Sinnlose Anekdoten.

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Zu den soliden Stützen des praktizierten, menschlichen Schwachsinns gehört die Anekdote. Ich meine nicht launige Geschichten rund um den Alten Fritz, Bismarck oder den grummeligen George Bernard Shaw, sondern die Anekdote als “Beweis“. “Meiner Nachbarin haben die Globuli super geholfen” gehört zu den Standardönekens, mit denen Homöopathiegläubige die Heilkraft von Zuckerkügelchen belegen wollen. Ähnlich argumentieren die Schutzengelanbeter; da können noch so viele Leute mit dem Bus 200 Meter tief in eine Schlucht gefallen sein – sollte jemand überlebt haben, kann es nur an dessen Schutzengel gelegen haben. Und auch, dass man dem Tod im Krankenhaus von der Schippe gesprungen ist, wird weniger auf ärztliche Kunst als auf Gebete und Kerzenanzünden zurück geführt. “Der Herr Babbisch ist ja nur deshalb wieder gesund geworden, weil seine Frau Tag und Nacht für ihn gebetet hat.” Damit hat die Anekdote gleich auch noch eine Pointe, die sie als Erzählgenre, das auf zufällig erworbenen, einzelnen Fakten fernab jeder Sinnhaftigkeit beruht, nicht einmal benötigte.

Anekdoten beherrschen zuhauf die Argumente derjenigen, die den anschwellenden Migrantenstrom in den Westen, insbesondere nach Deutschland, uneingeschränkt begrüßen. Das begann mit den geradezu inflationär verbreiteten Geschichten von gefundenen und brav abgelieferten Portemonnaies; Histörchen, die derart penetrant in Umlauf gebracht wurden, dass selbst der Knall- und Jubelpresse dämmerte, dass man es damit übertrieben hatte. Diese herzergreifenden Geschichten sind inzwischen ebenso selten geworden wie verlorene Handtaschen, und ich behaupte einfach mal, das liegt nicht daran, dass deutsche Schussel ihr Hab und Gut inzwischen besser hüten. Jeder Lokalredakteur hat es begriffen. Die Mär vom ehrlichen Finder ist schlichtweg ausgelutscht.

Damit ist natürlich die Anekdote als Genre nicht gestorben, nur die Inhalte haben sich geändert. Wurden vor Wochen noch körbeweise Tausendeuroscheine gefunden, decken jetzt Zugewanderte auf Sylt windverwehte Dächer, fegen in St. Kützelmütz Regenrinnen und tragen in Bullerbü Omas über die Straßen. Die Fantasie der Meinungsmacher kennt kaum Grenzen, wenn es darum geht, mit einem möglichst herzerfrischenden Schwank aus einem Migrantenleben zu “beweisen”, dass alle auf dem richtigen Weg sind. Selbst wenn diese Berichte nicht bloß erfunden sind: Was sollen sie aussagen? Der Bessermensch geht zwar gleich hoch, wenn Berichte über strafbares Verhalten von Migranten hochgespült werden (“Bedauerliche Einzelfälle!”), will aber mit seinen eigenen Einzelfällen ernst genommen werden.

Schneller als unsere Bessermenschen begreifen das längst diejenigen, die sich auf einen lebensgefährlichen Weg machten, weil sie von verantwortungslosem Willkommen!-Gemenschel hergelockt wurden. Die sitzen jetzt in Massenunterkünften, die so gar nichts mit dem “Ein eigenes Haus für jeden” zu tun haben. Und auch nie haben werden. Um sich von Moslems bedrohen und sexuell belästigen zu lassen, hätten syrische Christinnen nicht erst einen Treck von ein paar Tausend Kilometern auf sich nehmen müssen; das hatten sie daheim nicht viel anders. Ebenso wie die Allahgläubigen, die dachten, “Welcome Refugees” würde bedeuten, dass man sich hierzulande geradezu darum reißt, ihr mittelalterliches Weltbild zu übernehmen.

“Es springen zwei Männer auf, unabhängig von einander, und bieten den Alten ihren Platz an. Unübersehbar schwarz- und wohl nordafrikanischen Ursprungs.” Darauf läuft eine der zahllosen Anekdoten hinaus, die man im Internet finden kann. Sie spielt in einer Straßenbahn und soll belegen, dass doch alles gut werden kann. Der ganze Bericht trieft vor emotional geprägtem Kitsch, wird dutzendfach “geliked” und von einem der Liker sogar als “lyrisch” gelobt.

Jeder mit nur etwas Weitsicht weiß: so eine Anekdote sagt gar nichts. Nichts. Man muss die geschilderte Situation nicht einmal näher hinterfragen, indem man darauf hinweist, dass in jeder größeren Stadt, erst recht dort, wo es Hochschulen gibt, genug Schwarzafrikaner leben, die das hiesige Zusammenleben gut oder gar besser kennen als Weiße; woher also will die Erzählerin wissen, dass es in diesem Falle Zuwanderer waren und nicht Studenten, Ingenieure oder Touristen aus Paris? Egal, darauf argumentativ einzugehen ist verschwendete Zeit. Da herrscht das Gefühl, und sonst nichts. Wie solche Diskussionen verlaufen, kennt man von Gesprächen mit Tierschützern, Veganern und Gottesanbeterinnen. Wie schrieb einmal eine solche in einem Internetforum? “Überzeugungen brauchen keine Beweise.”

So unsinnig Anekdoten – außer als unterhaltsame Geschichten zum Schmunzeln – auch sind, wir fallen ihnen alle dann und wann anheim. Kaum jemand, auch ich nicht, kann sich guten Gewissens davon frei sprechen. Die Gründe sind simpel. Es gibt kein Thema, mit dem wir uns wirklich so gut auskennen, dass wir uns auf rein faktisches stützen können, wenn wir uns zu etwas äußern. Ein Epidemologe besitzt vielleicht genug Fachwissen, um der heute so modischen Impfverweigerung Fakten über Fakten entgegenhalten zu können. Also empirisch nachgewiesenes. Dafür versteht er vielleicht nichts von Politik oder Autos oder Cigarren. Und schon lauert die Anekdotenfalle. “Mein Nachbar hatte ein Cabrio von XYZ, das gab nach zwei Wochen den Geist auf. XYZ baut die miesesten Cambrios der Welt.

Der zweite Grund: so wenig Ahnung wir vom Meisten haben, so sehr sind wir Menschen emotionale Wesen. Der Anblick eines Katzenbabys lässt uns dahin schmelzen und vergessen, dass Katzen alleine in Deutschland jährlich mehr Vögel töten als alle Italiener, Franzosen, Spanier und Ägypter zusammen, die regelmäßig als Vogelmörder angeprangert werden. Wenn es bei Katzen schon so läuft, wie ist es dann erst mit den Augen der Migrantenkinder, die uns formatfüllend in den Medien gezeigt werden? Darüber vergessen wir sofort, welche Augen in den Trecks sonst noch unterwegs sind, und wir vergessen auch die Augen derjenigen, die als Deutsche um ihre eigenen Kinder Angst haben angesichts der massiven Veränderung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Wir sind emotional gerührt und damit in der Gefahr, unzurechnungsfähig zu handeln. Die Kanzlerin führt seit Wochen vor, wohin das führt, und die Frage, ob Merkel vielleicht längst geistig derangiert ist, hat das Stadium der satirischen Überspitzung nicht zu Unrecht hinter sich gelassen.

Nichts gegen Gefühl und Mitgefühl! Nichts, solange das nicht die einzig treibenden Kräfte unseres Handels sind. Ansonsten sind wir ganz schnell auf dem fatalen Weg, der uns nicht einmal mehr bis um die nächste Kurve blicken lässt. Dass inzwischen immer mehr, auch Teile der bisher unkritischen Jubelmedien, erkennen, wie sehr man sich im Glauben daran, dass Merkel weiß, was sie tut, verrannt hat, ist zwar ein zur Hoffnung Anlass gebendes Zeichen, kommt aber noch längst nicht bei denen an, die gar nicht anderes können, als emotional zu handeln; sei es, weil sie ohnehin von nichts eine Ahnung haben, sei es, weil ihr Leben generell von religiösem oder ähnlichem Wahn getrieben wird, oder sei es, dass sie beide Möglichkeiten in sich vereinen. Was im Zusammenhang mit der heute so populären, infantilen Naturliebe, wie sie Tierschützer und Naturapostel propagieren, wissenschaftlich erstmals Ende der 1990er Jahre als “Bambisyndrom” beschrieben wurde, lässt sich durchaus auf den Umgang der Merkelunterstützer mit der Realität entlang der Zuwanderungsrouten übertragen. Dass das vermeintliche Gutestun längst ein wesentlicher Teil der Ursachen für das immer größer werdende Elend bei den Zuwanderern und die massiv ansteigende Ablehnung in der heimischen Bevölkerung selbst gegenüber tatsächlich vor Krieg und Verfolgung Fliehenden ist, kommt dem Bambisyndromkranken nicht in den Sinn. Sollte es aber. Warum kommen wohl selbst Männer aus Marokko, einem Land ohne jede Kriegsgefahr und sonstige Asylgründe, nach Deutschland? Im Filmbericht von Stefan Aust über 24 Stunden Flüchtlingskrise kann man die Antwort hören: “Mama Merkel.” Dazu Muttis Selfies und die Bilder von verteilten Bärchen und adrett gemalte Willkommen!-Transparente, und der Entschluss ist gefasst. Und so sitzen diese Marokkaner dann demnächst in einer deutschen Turnhalle, Lagerhalle oder gar einem Zelt irgendwo im deutschen Winter. Vielleicht zusammen mit Kindern, die Frost und Schnee bis dahin nur aus Bilderbüchern kannten. Ich würde mich spätestens dann nicht mehr willkommen, dafür aber ziemlich verarscht fühlen.

awb


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