Keine Panik! Alles hat mit nichts zu tun.

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Hatte eine schwere Kindheit. Und wie man im ZDF hören kann, herrscht in Molenbeek, der Stadt, wo er diese schwere Kindheit verbrachte, "eine sehr hohe Arbeitslosigkeit". Leider erwähnte die Korrespondentin nicht, dass dort auch Häuser stehen und Luft in der Luft ist.

Alle paar Wochen fahre ich mit meiner Frau zu einem großen Einkaufszentrum in der Nähe der belgischen Stadt Lüttich. Man bekommt dort frische Kalbsleber, kräftige Trappistenbiere und ein besonders leckeres Brot aus Frankreich. Dafür lohnt die einstündige Fahrt dorthin allemal.

Heute war es wieder so weit. Mit etwas mulmigem Gefühl in der Magengegend ging es über die Autobahn, die, würde man an Lüttich vorbeifahren, nur drei Stunden später an der Pariser Péripherique ankommt. Mulmig, weil man denkt: so ein Einkaufszentrum wäre ein gutes Ziel für Terroristen, erst recht in Belgien, der Bastion des Islamismus in Europa. Molenbeek bei Brüssel ist gerade einmal 80 Kilometer entfernt. Und der aus Belgien stammende, mutmaßliche Paristerrorist Salah Abdeslam schnürt, wahrscheinlich nicht alleine, in diesen Stunden durchs Land.

Der Verstand beruhigt mich. Ein Montag wäre kein guter Terrortermin. Da gäbe es an einem Freitag oder Samstag weitaus mehr Blut zu ernten. Und in der Tat – wie jeden Montag ist die Zahl der potenziellen Opfer im Hypermarché überschaubar. Das beruhigt, auch wenn auf dem gesamten Areal keinerlei Sicherheitskräfte zu sehen sind.

“Wir dürfen uns nicht verunsichern lassen!” postulieren Leute, die sich auch schon vor Paris auf massiven Personenschutz verlassen konnten.Es fällt schwer, angesichts dieser wohlfeilen Ratschläge den Blutdruck unter Kontrolle zu halten; erst recht, wenn sie ausgerechnet von Politikern erteilt werden, die nicht unwesentlich für die jetzigen und anstehenden Gefahren mitverantwortlich sind.

Womit wir bei der Bundesregierung sind. Und bei ihren Sympathisanten. Von denen gibt es erschreckender Weise immer noch mehr als vorstellbar. Wer glaubte, spätestens nach Paris wäre auch dem letzten Schönredner klar geworden, welchen Strick wir uns mit der grenzenlosen Grenzöffnungspolitik drehen, sieht sich eines Schlechteren belehrt. Es kann offenbar gar nicht barbarisch genug zugehen; ein kurzer Rundblick in den “sozialen Medien” genügt, um zu erkennen, dass weiterhin verharmlost und schöngeredet wird, Hauptsache, man kann seiner Fernstenliebe Ausdruck verleihen.

Aufreger Nummer Eins für die Gerechten sind “Instrumentalisierer”. Man dürfe jetzt auf gar keinen Fall die “Flüchtlinge” in irgendeinen negativen Zusammenhang mit dem Terror bringen, und wer das tue, sei ein siehe oben. Zwar weiß in ganz Deutschland kein Mensch, wie viele Herbeiströmer inzwischen im Land sind und wo, und erst recht nicht, ob das alles wirklich Flüchtlinge sind. Ja gut, zwei der Mörder von Paris sind als Asylsuchende nach Europa gekommen, aber das sind natürlich bedauerliche Einzelfälle. Jeder Welcomebannerschwenker weiß, dass unter den Migranten ganz sicher und hundertpro und echt voll garantiert keine Terroristen sind. Alle diese Zuwanderer fliehen ja selber, und zwar ausgerechnet vor denen, mit denen diese rechten Instrumentalisierer sie jetzt in eine Sprengstoffweste stecken wollen. Und weil die Gerechten das so genau wissen, ist für sie jeder, der davon nicht ganz so überzeugt ist, ein widerlicher Instrumentalisierer. Übrigens, wer noch nicht weiß, was so ein Instrumentalisierer ist: eine solcher nutzt zum Beispiel das Bild eines ertrunkenen Kindes, um alle Hemmungen in Bezug auf EU-Gesetze und Abkommen außer Kraft zu setz … wie? So jemand ist kein Instrumentalisierer, sondern ein empathischer Aufrüttler? Ah ja.

Der andere Aufreger ist die Das-hat-alles-nichts-mit-dem-Islam-zu-tun-Nummer. Die dürfte inzwischen so alt sein wie Scharia und Koran zusammen oder zumindest wie der deutsche Sündefall vor 80 Jahren, sie wird aber trotz hohen Alters immer wieder gerne genommen, damit wir bis in Ewigkeit für alles Verständnis und Toleranz aufbringen müssen, was mit edlen Wilden und deren Religion und Befindlichkeiten zu tun hat.

Experten für das, was nicht mit dem Islam zu tun hat, gibt es selbst da, wo man sie eher nicht erwartet. Jemand, der seinen Beruf bei Facebook als “KomikerIn” benennt, beweist tatsächlich komisches Talent, indem er schreibt: “Terroristen sind NIEMALS Gläubige.” Ich möchte diesen weisen Clown nicht instrumentalisieren, aber wer so etwas schreibt, möge sich doch bitte umgehend nach Syrien begeben und dort Herrn Abu Bakr al-Baghdadi den wahren Glauben erklären. Al-Baghdadi, der mehr als zehn Jahre lang mit heißem Bemüh’n Islamisches Recht und Koranwissenschaft studiert hat, dürfte gewiss ein offenes Ohr haben für einen deutschen KomikerIn, wenn dieser ihm erklärt, wer und was tatsächlich Gläubige sind. Wenn der Witzbold zu den “kranken Arschlöchern”, also den eingebildeten Gläubigen, die 121.043 Personen, die das bei Facebook bisher “geliked” haben, mitnimmt, dürfte es allerdings bei offenen Ohren wohl nicht bleiben.

Auf Fragen an andere Vertreter der steilen These, was denn dann mit dem Islam zu tun hat, ob es vielleicht das Hängen von Schwulen sei oder das Auspeitschen von Kritikern oder die so genannten Ehrenmorde oder die Rechtlosigkeit von Frauen, gibt es keine Antworten, sieht man von Bezeichnungen als “empathieloser Troll” bis hin zu Beleidigungen und Beschimpfungen ab. Schlimmer noch: Wer besonders gutmenschlich ist, dem tun kritische Frager “leid“, weil sie “im Herzen verhärtet” sind. Womöglich – der denkbaren Schreckensszenarien sind kaum Grenzen gesetzt – wird man noch vom Einen oder Anderen ins Abendgebet mit eingeschlossen.

Mich erschreckt, wie viele Menschen, auch unter meinen Internet-Kontakten, derart verblödet argumentieren, wie sie es tun. Menschen, denen ich durchaus Urteilsvermögen und kritisches Denken zugetraut habe, sonst wären sie ja nicht unter meinen Kontakten. Ich sage bewusst verblödet, denn ein anderes Wort fällt mir für die dermaßen unrealistische und vorurteilsbehaftete Position dieser Leute nicht ein. Sie merken selbst als durchaus denkfähige Köpfe nicht, wie sehr sie sich von Politik und Medien für die manipulativen Abkanzeleien kritischer Stimmen als “Instrumentalisierer” – nun, was? Ja genau, instrumentalisieren lassen.

Der Einkauf ging ruhig zu Ende, auch wenn wir uns diesmal nicht unnötig lange in dem weitläufigen Areal aufhielten. Gleich kommt die Kalbsleber aufs kleine Feuer, und das kräftige Christmas Ale ist kalt gestellt. Für heute steht ansonsten nichts Wesentliches mehr an, aber morgen miste ich meine Kontaktlisten aus.

16.11.2015


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