São Paulos Prinzessin stürmt die Bühne

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Nossa! So würde man in Brasilien überrascht und ungläubig ausrufen, und damit “unsere” Frau im Himmel meinen, die Mutter Gottes. Und die Sängerin, um die es hier gehen wird, heißt ja auch wirklich Maria Do Céu, “Maria im Himmel”. Also: Nossa! Ist das wirklich schon zehn Jahre her? Es scheint wie gestern, als eine zauberhafte junge Dame aus São Paulo erstmals ans Mikro trat, um ihre betörend fruchtige und gleichzeitig freche Stimme auf die Welt loszulassen. “Die neue Prinzessin der Música Popular Brasileira” nannte sie die wichtige Zeitung Folha damals, und der verzauberte Caetano Veloso sah in ihr “die Zukunft der brasilianischen Musik”. Nach drei international erfolgreichen Alben hat Céu nun auf einen vielfachen Wunsch ihrer Fans reagiert und im August 2014 in der Heimatstadt ein grandioses Live-Album aufgenommen.

Céu (2007) – Vagarosa (2009) – Caravana Sereia Bloom (2012): Die Trilogie ihres Schaffens hat die brasilianische Musik des 21. Jahrhunderts für immer verändert. Die Komponistentochter aus São Paulos Stadtteil Vila Madalena zimmert nach Lehrjahren in New York einen Sound aus Soul, Samba, Dub, Indiepop und Funk, ihr Debüt erhält den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Nominierungen für den Grammy und Latin Grammy folgen auf dem Fuße, und in Deutschland hieven die Magazine Audio und Stereoplay ihre Scheibe einträchtig zur CD des Monats empor.

Dann startet sie ins All und liefert mit dem zweiten Werk ein verspielt-erotisches Ohrenkino zwischen minimalistischen SciFi-Sounds, Surfrock und Retro-Ästhetik. Da werden sogar Herbie Hancock und BBC-Eminenz Charlie Gillett Fans. Dann steigt Céu wieder vom Himmel hinunter und begibt sich ins Bohémienne-Dasein, um mit Caravana Sereia Bloom eine Mythologie des Unterwegsseins zu schreiben. Referenzen an die wilden Klangballungen der Tropikalisten Caetano Veloso und Os Mutantes und an den Roadmovie Bye Bye Brazil sind unverkennbar, ein anarchischer Klangzirkus mit Einflüssen aus ganz Lateinamerika.

Nach all diesen Studio-Abenteuern ist nun ein Live-Album überfällig gewesen – und wurde auch heftig eingefordert von der großen Verehrer-Schar. Schließlich wissen alle, die Céu mit ihrer Band schon einmal in persona erlebt haben – ganz gleich, ob in einem kleinen europäischen Club oder auf dem großen Coachella Festival – um die Bühnenqualitäten des quirligen Querkopfs. Es ist ein Heimspiel für Céu: Im August 2014 bucht sie das Centro Cultural Rio Verde in ihrer Nachbarschaft in Vila Madalena. “Ich wollte einen Ort haben, der intim und gemütlich ist und die Ästhetik von Caravana Sereia Bloom einfängt. Mir kam es darauf an, dass das Publikum sich so fühlte, als säße es zuhause auf dem Sofa und sei ein Teil der Performance.”

Weit davon entfernt, bloße Bühnenreplikate der CDs bieten zu wollen, haben Céu und ihr Quartett 15 Songs aus dem Repertoire der drei Platten und ein unveröffentlichtes Bonbon zusammengestellt. “Ich mag das sehr, wenn meine Bandmusiker neue Ideen haben und das Songmaterial austauschen”, so Céu. “Das heißt, dass sie sich wirklich an meinem kreativen Prozess beteiligen.” Und so unterscheiden sich die Livefassungen vieler Stücke, die sie mit Bassist Lucas Martins, Giarrist Dustan Gallas, DJ Marco und Drummer Bruno Buarque umsetzt, beträchtlich vom Studiooriginal.

Der Eröffnung “Falta De Ar” stellt sie eine lyrische Ouvertüre voran, die den Aufbruch des Caravans ins Ungewisse signalisiert, und die Fuzz-Gitarre von Gallas haut im Vergleich zur Albumversion eine Überdosis Energie raus. Die schräge Cumbia “Contravento” klingt auf den Brettern weitaus cineastischer, großleinwandiger, schlurft den Zuhörern direkt in die Gehörgänge samt lustiger Orchestersamples. Der “Retrovisor” bäumt sich mit chorischer Beteiligung der ganzen Band zu einer mächtigen Surfrockballade auf. So weit zu den Songadaptionen aus ihrer immer noch aktuellen dritten Scheibe.

Doch auch Reisen zurück in die Tiefen ihres Repertoires finden sich in der Liveshow: “Cangote” aus Vagarosa heizt hier schwül über den Tanzboden, und ihre Marley-Reverenz “Concrete Jungle” emanzipiert sich hier noch weiter vom Original als zuvor. Natürlich darf auch ein Wiederhören mit ihrem ersten Hit “Malemolência” nicht fehlen, der von DJ Marco mit spleenigem Scratching versehen wird. Und die ebenfalls frühe Perle “Rainha” ist doch glatt zu einem peppigen Afrobeat mutiert. Schließlich siedelt inmitten der Darbietung auch noch eine ganz neue Nummer, das träumerische “Mil E Uma Noites De Amor” – passenderweise mit “1001 Liebesnächte” zu übersetzen: Es ist ein Cover aus der Feder von Pepeu Gomes und Baby Consuelo, einst Kreativköpfe der legendären Siebziger-Band Novos Baianos.

Was die Zukunft für Céu bringen wird? Sie werkelt längst an ihrer vierten Studio-CD, die – so lässt sie verlauten – aus der akustischen Sphäre weg und hin zu wieder intensiveren Beats führen wird.

Doch vorerst hat sie mit ihrem Live-Album fulminante Impressionen ihres bisherigen vielfältigen Schaffens vorgelegt, die Hunger auf mehr von dieser Prinzessin aus der brasilianischen Megapolis machen.

Six Degrees and Exil present

Céu Live

1. Falta De Ar 5’41″ [GUILHERME AMABIS)
2. Amor De Antigos 3'45" [CÉU]
3. Contravento 4’34″ [LUCAS SANTTANA / GUILHERME AMABIS]
4. Retrovisor 4’11″ [CÉU]
5. Grains De Beauté 4’23″ [CÉU / BETO VILLARES]
6. Mil E Uma Noites De Amor 5’01″ NEU! [Pepeu Gomes/Baby Consuelo/Fausto Nilo]
7. Cangote 5’55″ [CÉU]
8. Baile De Ilusão 3’31″ [CÉU]
9. Streets Bloom 5’22″ [LUCAS SANTTANA]
10. Contados 3’27″ [ALEC HAIAT / CÉU]
11. Malemolencia 4’28″ [ALEC HAIAT / CÉU]
12. Lenda 3’57″ [ALEC HAIAT / CÉU / GRAZIELLA MORETTO]
13. Concrete Jungle 3’24″ [BOB MARLEY]
14. Chegar Em Mim 3’04″ [JORGE DU PEIXE]
15. Rainha 5’45″ [CÉU]

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