Weihnachten geht gar nicht.

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Weihnachten bashen geht ja nun mal gar nicht. Im Ernst, Leute: WEIHNACHTEN. Gibt es ein hilfloseres Opfer? Auf Weihnachten einzuprügeln ist ebenso sportlich wie einem Baby die Rassel wegzunehmen.

Ich hatte also nichts weniger vor, als mich an Weihnachten zu vergreifen. Bloß, man kommt auch beim allerbesten Willen nicht an diesem Fest vorbei, von dem – fragen Sie doch mal in einer beliebigen Fußgängerzone herum – so gut wie niemand weiß, was es außer Geschenkekaufen und -verteilen zu bedeuten hat. Nein, auch mich ereilt diese Plage mit der Unausweichlichkeit des Todes. Seit Wochen beginnt nahezu jede E-Mail und jedes Telefongespräch mit der Bemerkung des Gegenübers, er hoffe, mich nicht allzusehr im Weihnachtsstress zu stören, aber er habe da noch eine Frage, einen Auftrag, ein Angebot. Weihnachtsstress ist ein anderes Wort für selbsterfüllende Tatsache. Ich habe Weihnachtsstress, weil mir jeder wünscht, keinen Weihnachtsstress zu haben. Da danke ich auch schön.

Wenn ich höflich antworte, mir ginge Weihnachten ebenso rasant am Arsch vorbei wie das kasachische Lewonzenfest oder das Neujahrstanzen der Bottokuden, ist es ganz vorbei. Man steigt dann nicht etwa wegen erwiesener Tinnef-, Tand- und Tünnpfiffresistenz in der Achtung der Mitmenschen, nein ganz im Gegenteil, man wird umgehend zum “Muffel” erklärt. Und das nicht selten selbst von Leuten, die das übrige Jahr (also von Januar bis etwa Ende August) durchaus Anzeichen erkennen lassen, dass sie im Grunde und generell durchaus alle Latten am Zaun haben. Was wohl ein Irrtum ist. Denn sobald ihr Hirn Weihnachtsalarm gibt (also ab etwa Anfang September) verlässt sie schlagartig jeder gute Geist, und wer diese Zombiefizierung nicht mitmacht ist ein Muffel. Weihnachten hat offenbar etwas mit umnachten zu tun.

Ein Muffel ist unglücklicher Weise per se keineswegs gefeit gegen die Weihnachtspest. Lebt man nicht gerade auf den Osterinseln oder Tristan da Cunha, kommt man gar nicht daran vorbei, sich mit dem Wahnsinn auf Du und Du wiederzufinden. Dazu muss man sich keineswegs in die Hölle eines Weihnachtsmarktes begeben. Wer dort einkehrt ist schließlich selber schuld und verdient keinerlei Mitgefühl. Zu Separatorenfleischfusseln und Püree Frites trinkt man mit zunehmender Begeisterung eine amorphe Plörre, Glühwein genannt, und zwar solange, bis die festen Bestandteile des Weihnachtsmarktmenüs den Rückweg angetreten haben und den fliegenden Ratten ein willkommenes Mahl liefern. Dazu kauft man mit Brandmustern angesengte Frühstücksbrettchen und Holzschnitzereien, die zwar erzgebirgisch aussehen, aber zumeist von chinesischen Sind-so-kleine-Kinderhänden angepinselt wurden. Welche jetzt in genau diesem Moment die Plüschteddies für die nächste Osterkirmes nähen. Das passt. Kirmes und Weihnachtsmarkt sind die gleichen Veranstaltungen unter verschiedenen Namen. Es gibt Karussels und Zuckerwatte, ranzige Würste und unnützen Kokolores en masse. Sogar die gute alte Geisterbahn ist auf beiden vertreten, auf dem Weihnachtsmarkt kann man ihr Inventarium rund um jeden Glühweinstand bewundern. Aber Achtung: keine Haftung für Ihre Garderobe.

Ein noch so weit geschlagener Bogen um die Geschwüren gleich wuchernden Weihnachtsmärkte bewahrt leider ebenfalls nicht davor, dem Weihnachtsstress anheim zu fallen, so man denn gezwungen ist, zumindest ab und an einmal eine Innenstadt aufzusuchen, selbst wenn die Motive noch so ehrenhaft sind wie ein Termin beim Arzt oder die Trainingstunde in der Muckibude. Sehr gerne stellen sich Gestalten in den Weg, deren Hackfressen unzweifelhaft erkennen lassen, dass sie mit 18 lesen lernten, um das Schild “Junger Mann zum Mitreisen gesucht” entziffern zu können. “Haben Sie nicht auch ein Herz für Tiere?” paselacken sie einen an und klimpern dabei mit einer gut gefüllten Sammelbüchse. Ihr Problem ist, dass man zum Hütchenspielen bis Drei zählen können müsste, und deshalb schaffen sie nicht selten – statt für das Gute – für obskure, selbsternannte Tier- oder sonstige Schutzorganisationen an, deren Bosse derweil feist am Hummertuch nagen. Ich habe kein Herz für Tiere, sondern einen Magen und nehme daher diese Frage jedesmal sehr übel und persönlich. Schließlich habe ich meinen imposanten Ranzen nicht vom Broccoliknabbern. Werde ich ausnahmsweise einmal nicht sehr ungehalten über die Koberei und versuche, den Wegelagerern einfach nur auszuweichen, renne ich unweigerlich in eine verkniffend kuckend mir entgegen getragene, hart verpackte Sandwichservierplatte oder einen Heißen Stein, natürlich genau in Kniehöhe gehalten. Dazu sülzt aus allen verfügbaren und gut versteckten Membranen eine Musik meine Ohren dicht, die eindeutig gegen die Genfer Konvention verstößt. Man weiß gar nicht, wohin man ausweichen soll, überall ist Weihnachten. Ein Minenfeld ist nichts gegen eine Fußgängerzone in dieser besinnlichen Zeit. Zitternd, den Blanken Hans in den Augen,  sitzt man schließlich beim Arzt, der nach einem kurzen Kennerblick diagnostiziert: “Mein Lieber, Sie sind im Weihnachtstress.” So leicht möchte ich auch mein Geld verdienen.

Aber das Gemeinste, das Allerniederträchtigste an Weihnachten ist: so sehr man es auch versucht, man kann ihm auch beim besten Willen, mit dem glühendsten Hass, mit der erbittertsten Verachtung nicht die verdiente eiskalte Schulter zeigen. Erst gestern ertappte ich mich dabei, wie ich auf der Heimfahrt zu dem aus dem Autoradio plärrenden “Let it snow, let it snow” von Perry Como mit dem Fuß wippte, und fast hätte ich mitgesungen. Unfassbar.

Zum Glück hat es niemand mitbekommen.

awb


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