I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920

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10. Oktober 2015 – 6. März 2016

Otto Dix Großstadt (Triptychon), Mitteltafel 1927/28 Ö l und Tempera auf Holz 181 x 402 cm Kunstmuseum Stuttgart Foto: Kunstmuseum Stuttgart / Uwe H. Seyl © VG Bild - Kunst, Bonn 2015

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Jazz die Zukunft der Musik und zugleich das erste weltweite Pop-Phänomen. Vom Futurismus bis zur Gegenwart reicht die Who’s Who-Liste der bildenden Künstler, die Jazzfans waren. Anhand spektakulärer Leihgaben aus internationalen Museen und Sammlungen zeigt die große Sonderausstellung »I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920«, dass der Jazz in den letzten einhundert Jahren und bis in die Gegenwart hinein ein internationaler Impulsgeber war.

Eine umfassendere Schau zur Wechselbeziehung zwischen bildender Kunst und Jazz hat es bislang in Deutschland nicht gegeben. Die Ausstellung ist der Höhepunkt zum 10-jährigen Jubiläum des Kunstmuseum Stuttgart, dass unter dem Thema »Kunst & Musik« steht.

Vor einhundert Jahren, am 11. Juli 1915, erschien in der US-amerikanischen Tageszeitung Chicago Daily Tribune ein Artikel, in dem der Begriff »Jazz« wahrscheinlich zum ersten Mal mit dem gleichnamigen afroamerikanischen Musikstil in Verbindung gebracht wurde. Unter der Überschrift »Blues is Jazz and Jazz is Blues« schrieb Gordon Seagrove über eine neue Tanzmusik, die so süchtig mache, dass sie sogar Ehen zu zerstören vermöge. In seiner dokumentarisch-fiktionalen Glosse erzählt der Journalist von einem Mann, der nicht mit seiner Frau Foxtrott tanzen kann, weshalb sie ihn schließlich verlässt. Doch was genau ist diese Musik, die sowohl »Blues« als auch »Jazz« genannt wird? Ein junger Pianist liefert in dem Text die Antwort: »Die Blues-Stücke sind niemals niedergeschrieben, vielmehr machen Pianisten oder andere Musiker sie sich zu eigen. Sie sind nicht neu. Sie haben nur eine neue Popularität erlangt. Sie begannen vor einem halben Jahr-hundert im Süden und sind ursprünglich musikalische Einschübe von den Farbigen. Der Markenname dafür lautet ›Jazz‹ . Es gibt im Moment eine richtige Welle. Die Leute finden sie hervorragend zum Tanzen.«

Schon zu diesem Zeitpunkt war der Jazz im Norden der USA als improvisierte Tanzmusik aus dem Süden mit afroamerikanischen Wurzeln bekannt und beliebt. Seinen endgültigen Durchbruch erlebte er nach dem Ersten Weltkrieg, als Joe King Oliver, Jelly Roll Morton, Bix Beiderbecke und vor allem Louis Armstrong erste Platten veröffentlichten. Und als er in den 1920er-Jahren seinen Weg nach Europa fand, eroberte er auch die dortigen Tanzsäle und Bars im Sturm.Das soeben angebrochene Jahrzehnt wurde sogleich zur Jazz-Ära erklärt. Aufgrund seiner weiten Verbreitung lässt sich der Jazz als erstes Pop-Phänomen bezeichnen. Er begeisterte alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen.

Auch wurde Jazz als die erste eigenständige Kulturleistung der USA überhaupt wahrgenommen, in dessen komplexen Rhythmen sich das Maschinenzeitalter widerspiegelte. Jazz und Swing als wilde und virtuose Tanzmusiken markieren dabei auch den Beginn einer (widerständigen) Jugendkultur und ihrer Kommerzialisierung. Und nicht zuletzt galt Jazz als authentisches Zeichen für den Beginn afroamerikanischer Emanzipation.

Paul Colin Blatt aus der Serie: Le tumulte noir 1929 Lithographie 48 x 32 cm Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg Foto: Muse um für Kunst und Gewerbe Hamburg © VG Bild - Kunst, Bonn 2015

Die Ausstellung » I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920 « im Kunstmuseum Stuttgart legt anhand herausragender künstlerischer Arbeiten dar, dass der Jazz von Beginn an eine bemerkenswerte Rezeption auch in der Kunstszene hervorgerufen hat. Im Jazz zeigte sich zum ersten Mal die Verbindung zwischen populärer Kult ur und Kunst, die heute mit Lady Gaga, Kanye West, Jay Z und Björk eine neue Stufe erreicht hat. Künstler wie Otto Dix, Max Beckmann, Paul Colin, Adolf Loos, Piet Mondrian und Henri Matisse bezogen sich auf Stars des Jazz-Zeitalters wie Josephine Baker, modische Tänze oder bestimmte Lieder. Bis in die 1950er-und 1960er-Jahre hinein war der Jazz Synonym für populäre Musik und immer stärker auch intellektuelle kritische Praxis. Bebop, Abstraktion und Free Jazz verkörperten Modernismus und das westliche Freih eitsparadigma. Jackson Pollock hörte tage- und nächtelang nur Jazz, während er an seinen Bildern arbeitete. Andy Warhol entwarf Plattencover für das legendäre Plattenlabel Blue Note Records. Auf der anderen Seite des Atlantiks veranstaltete K.R.H. Sonderborg malerische Aktionen gemeinsam mit Jazz-musikern. Wie sich anhand von Künstlerinnen und Künstlern wie Stan Douglas, Kara Walker, Rashid Johnson, Jutta Koether und Anton Henning sehen lässt, finden sich bis heute zahlreiche Belege dafür, dass der Jazz unmittelbar Prozesse in der bildenden Kunst beeinflusst und weiter beeinflussen wird.

Um 1900 entstand entlang des Mississippi eine neue Musik: der Jazz. Zum Zentrum des Stils entwickelte sich die Hafenstadt New Orleans im Süden der USA. Hier vermischten si ch die Traditionen  und Bräuche europäischer, amerikanischer, karibischer und afrikanischer Kulturen. In Storyville,  dem Vergnügungsviertel der Stadt, ließen sich Musikbands auf Fuhrwerken herumfahren und  veranstalteten Wettbewerbe gegeneinander. Während des Karnevals wurden aufwendige, von Musik begleitete Paraden durch die Stadt veranstaltet. Nach der Schließung von Storyville während des Ersten Weltkriegs und im Zuge des rasanten industriellen Wachstums zog es viele Musiker in den Norden der USA. Vor alle m Kansas City und später Chicago entwickelten sich zu Anziehungspunkten und damit zu Jazz-Hochburgen. Auch der in New Orleans geborene Trompeter, Sänger und Entertainer Louis Armstrong, der vielleicht prägendste Musiker des Genres überhaupt, ging 1922 nach Chicago. » I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920« zeigt erstmals die Positionen der wichtigsten afroamerikanischen Künstler wie Romare Bearden, Norman Lewis, Ernie Barnes, Rose Piper, Joe Overstreet oder Beauford Delaney im Dialog mit ihren europäischen Zeitgenossen und bietet so in prägnanten Beispielen eine spezifische zweite Moderne , die parallel zu der bekannten euro-zentrischen Kunstgeschichte verläuft.

Was die Situation in Deutschland anbelangt, so war die Gesellschaft hier bis zum Ende des Ersten Weltkriegs von Konservativismus und Militarismus geprägt. Als Gegenpol zum starren Korsett der  wilhelminischen Gesellschaft entwickelten sich Reformbewegungen zur Befreiung des Körpers. Eine wichtige Rolle spielten dabei der Ausdruckstanz sowie eine Hinwend ung zu den Kulturen der vermeintlich primitiven Naturvölker Afrikas und Ozeaniens. Die Suche nach einem ursprünglichen Ausdruck im außereuropäischen Tanz lässt sich dabei in Ernst Ludwig Kirchners Gemälde Negertanz (um 1911) erkennen, zu dem der Künstler sich nach Besuchen in Berliner Varietés und Cabarets hatte inspirie ren lassen. Auch in Frankreich finden sich vergleichbare Bewegungen und Moden. So entwickelte sich dort der aus den USA stammende Grizzly Bear oder Bear Dance zu einem populären Tanz, dess en Bewegungen Gino Severini 1913 in ein futuristisch-dynamisches Liniengeflecht verwandelte.

Auf dieses Klima traf Anfang der 1920er-Jahre der Jazz, der in ganz Europa sofort begeistert aufgenommen wurde. In den 1920er-Jahren galt die afroamerikanischen Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin Josephine  Baker als Ikone absoluter Modernität: Das Mappenwerk Le tumulte noir (1929) von Paul Colin kann dabei als ein zentrales Werk der Baker-Rezeption in Europa angesehen werden. Colin, der außerdem Plakate und zusammen mit dem mexikanischen Künstler Miguel Covarrubias auch Bühnenbilder und Kostüme für Bakers Revue Nègre entwarf, gibt in den Lithografien sowohl die Verve von Bakers   Performance als auch die Extravaganz ihres Erscheinungsbildes wieder. Der Architekt Le Corbusier verehrte die Baker, wie auch Adolf Loos , der ein Haus für sie entwarf. Die Spuren, die Baker in der Kunst hinterlassen hat, lassen sich bis in die Gegenwart verfolgen: Einst Gegenstand des Exotismus und der Verehrung durch eu ropäische Künstler, wurde die Figur Josephine Baker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand postkolonialistischer und feministischer Positionen von Künstlerinnen wie etwa Kara Walker, Marlene Dumas und Ditte Ejlerskov .

Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich der Jazz zu einem Massenphänomen, das die Entstehung der Popkultur um 1960 vorwegnahm. Einer der ersten deutschen Künstler, die mit der Musik in Kontakt kamen, war George Grosz . Er selbst berichtet, schon 1912 eine Art Jazzauftritt im Café Oranienburger-Tor in Berlin gesehen zu haben. 1933 verließ Grosz Deutschland und ließ sich in New York nieder. Dort erhielt er einen Lehrauftrag und unterrichtete unter anderem den afro-amerikanischen Künstler Romare Bearden. Seine Eindrücke der amerikanischen Großstadt schlugen sich in einer Serie von Aquarellen nieder, wie etwa Negerpaar in Harlem (1933). Auch Max Beckmann war ein passionierter Jazzhörer. Kurz bevor er 1947 in die USA aufbrach, malte er ein Figurenbild, dessen Titel Begin the Beguine auf das gleichnamige Stück von Cole Porter verweist.  Abstrakte Künstler dies- und jenseits des Atlantiks wie Piet Mondrian , František Kupka und Arthur Dove waren ebenfalls von den Rhythmen des Jazz fasziniert und entwarfen mit ihren Bildern Entsprechungen zu Modetänzen oder populären Musikstücken. Aber wohl kein anderes Bild verkörpert das Jazz-Zeitalter so sehr wie das Gemälde Großstadt (1927/28) von  Otto Dix . Dix, selbst ein begeisterter Swingtänzer, verewigte im Zentrum des Triptychons einen mondän-anrüchigen Salon mit Jazzband. Jackson Pollock schuf seine dichten Farbgewebe, während der Plattenspieler die heißesten Swing-Nummern wiedergab. Jazz war für ihn neben der Malerei des Abstrakten Expressionismus die einzige weitere originäre Kunstform, die die USA hervorgebracht hatten.

Jackson Pollock Reflection of t he Big Dipper 1947 Farbe auf Leinwand 111 x 91,5 cm Sammlung Stedelijk Museum Amsterdam © Pollock - Krasner Foundation / VG Bild - Kunst, Bonn 2015

Umgekehrt erkannte der Saxofonist Ornette Coleman um 1960 eine Wesensverwandtschaft zwischen seiner Musik und Jackson Pollocks Technik des action painting , nicht zuletzt zierte ein Gemälde des Künstlers sein Free Jazz betitelt es Album aus dem Jahr 1961. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges verkörperten Jazz und Abstraktion, musikalische und malerische Improvisation das westliche Freiheitsparadigma. So wie die ungegenständliche Malerei zur Sprache der freien Welt erklärt wurde , schickte die Regierung der USA Jazzbands zu Propagandakonzerten ins Ausland, um für die Demokratie zu werben. Der Anspruch auf freien künstlerischen Ausdruck galt in ihrer Heimat jedoch nur für weiße  Künstlerinnen und Künstler. Nach wie vor herrschten die Gesetze und Strukturen der Rassentrennung in den USA, die auch im Kunstbetrieb verankert waren. So mussten afroamerikanische  Künstlerinnen und Künstler wie Romare Bearden , Beauford Delaney , Norman Lewis , Rose Piper und Joe Overstreet immer wieder darum kämpfen, dass ihre Werke nicht auf ihre Hautfarbe reduziert wurden. Gleichzeitig gelang es den Künstlern, wie man in der Gegenüberstellung mit der Nachkriegsabstraktion sieht, eine Bildsprache zu entwickeln , die zugleich Teil einer afr oamerikanischen Identitätsfindung ist und weit über diese hinaus weist. So hat Norman Lewis zum Beispiel immer wieder auch Themen mit Jazzbezug verarbeitet. Häufig haben seine ungegenständlichen Gemälde Jazzmusiker beim gemeinsamen Spiel zum Thema. Diese Werke lassen sich dabei als Sinnbilder künstlerisch-dynamischer Produktion von Individuen in einem Kollektiv verstehen. Durch die Reflexion des sozialen Kontexts des Jazz unterscheidet sich Lewis damit deutlich von etwa einem Jackson Pollock, der eher an den formalen Strukturen der Musik interessiert war. Auch die Emanzipationsforderungen, die im Blues und im Jazzmanifest wurden, entwickelten sich so in den 1950er-und 1960er-Jahren zum Soundtrack der internationalen Protest-und Jugendbewegungen der Zeit. In Deutschland war  K.R.H. Sonderborg während der NS-Zeit in einem Konzentrationslager inhaftiert worden, weil er ein »Swing Boy« war, ein Liebhaber afroamerikanischer Musik. Nach dem Krieg avancierte er zu einem wichtigen Vertreter des europäischen Inform el. Seine gestischen Bilder, in denen sich Tempo und Geschwindigkeit der Zeit widerspiegeln, fertigte er häufig zu Jazzmusik an, darüber hinaus trat er gemeinsam mit improvisierenden Musikern auf. Auch andere westdeutsche Künstler der gestischen Abstraktion sahen im Jazz ein Sinnbild für Freiheit und Spontaneität. So waren Bernard Schultze und K.O. Götz nicht nur Mitglieder im Frankfurter Hot Club, sondern sahen im Bebop parallele Ansätze zu ihrer eigenen Malerei. Sowohl Maler der gestisch-expressiven als auch der konstruktivistisch-geometrischen Abstraktion beriefen sich auf den Jazz, teilweise aus ähnlichen Gründen. Piet Mondrian , der ein begeisterter Tänzer war, erkannte etwa deutliche Parallelen zwischen der afroamerikanischen Musik und seinem eigenen, v on ihm neoplastizistisch genannten Ansatz: Jazz wie auch Neoplastizismus seien Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. Beide würden mit individuellen Formen und subjektiven Gefühlen brechen. Bei beiden gehe es nicht um Schönheit, sondern um reinen Rhythmus, wie Mondrian 1927 in einem Essay die Gemeinsamkeiten beschrieb. Ganz unmittelbar zeigte sich dies, als Mondrian in den 1940er-Jahren nach seiner Emigration nach New York durch die erneute Begegnung mit der von ihm so geliebten Jazzmusik wieder einen neuen Umgang mit Linien, Flächen und Farben entwickelte, der in seinem Spätwerk in den Arbeiten Broadway Boogie-Woogie (1943) und Victory Boogie-Woogie (1942 – 1944) gipfelte. Mondrians Ästhetik wirkte prägend auf die konkrete Kunst. Doch auch der Jazz  beeinflusste die Künstlerinnen und Künstler dieser Richtung. Die Schweizer Malerin Verena  Loewensberg führte in den 1960er-Jahren einen Plattenladen in Zürich . In ihren Bildern vereinen sich Form und Farbe in einer leicht unregelmäßigen und dadurch stark rhythmischen Verteilung auf der Bildfläche zu einer Art visuellen Synkopen. 1963 zierte eines ihrer Werke die Hülle einer Schallplatte des Saxofonisten Klaus Doldinger.

In der Tradition konstruktivistisch-geometrischer Abstraktion steht auch das Werk von Palermo . Bereits als  Jugendlicher hatte der Künstler in einer Dixieland-Band gespielt. In abstrakten Skizzen hielt er Musiker und ihre Instrumente bildlich fest, um so die Dynamik der Darbietung von Jazz-Improvisationen visuell darzustellen. Später fertigte er geometrische Objekte an, die er Thelonious Monk und Stevie Wonder zueignete. Die Revolution des Bebop verwandelte den Jazz in den 1940er-Jahren in eine intellektuelle und autonome Musikform. Dadurch verlor er mehr und mehr seinen Status als Tanzmusik. Abgelöst wurde er in diesem Bereich zu Beginn der 1950er-Jahre von einem Musikstil, dessen Wurzeln Blues und Boogie-Woogie sind. Zunächst Rhythm & Blues genannt, dann von DJ Alan Freed als Rock’n’Roll bezeichnet, avancierte die auf einem kräftigen Beat und Gitarrenriffs basie rende Musik schnell zur bevorzugten Tanzmusik der Teenager. Die teilweise akrobatischen Paartanzfiguren des Rock’n’Roll lassen sich direkt auf Swing-Tänze wie den Lindy Hop zurückführen. Auch wenn der Rock’n’Roll aufgrund von Sängern wie Elvis Presley, Jerry Lee Lewis und Bill Haley als weiße Musik gilt, ist er  eigentlich von afroamerikanischen Musikern wie Chuck Berry, Ike Turner und Fats Domino entwickelt worden. Auch Bo Diddley zählt zu seinen Pionieren. Bekannt wurde der Gitarrist aus Chicago Mitte der 1950er-Jahre mit Blues-Stücken, die einen besonders harten Rhythmus aufwiesen. Der Ursprung dieses fünfschlägigen Beats lässt sich wie die Grundstruktur des Jazz auf afrikanische Percussion-Muster zurückführen. Diddley war in den 1960er-Jahren eine wichtige Inspirationsquelle für die weißen Rockmusiker der sogenannten British Invasion – sowohl die Beatles als auch die Rolling Stones bezogen sich auf seine Stücke. Das Porträt, das der britische Künstler Peter Blake von ihm gemacht hat, weist auf diese Rezept ion hin, die typisch für den Austausch zwischen afro-amerikanischer und englischer Rockmusik im 20. Jahrhundert ist. Dass der Jazz auch als Vorläufer der aufkommenden Popkultur angesehen werden kann, beweist Richard Hamiltons berühmte Collage Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing? , die einen Bodybuilder und ein Pin-up-Girl in einem mit allerlei Konsumgütern ausgestatteten Wohnzimmer zeigt. Im Hintergrund eröffnet ein Fenster den Blick auf ein Kino, in dem der Film The Jazz Sing er von 1927 gezeigt wird, der erste Tonfilm überhaupt.

Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland bildete sich ab den 1960er-Jahren eine lebendige Free-Jazz-Szene, die in regem Austausch mit der bildenden Kunst stand. So malte Walter Stöhrer in der BRD seine expressiv-abstrakten Bilder zu sogenanntem freien Jazz. In der DDR spielte  A. R. Penck als Schlagzeuger in verschiedenen Bands. Während er für seine Bilder eine assoziative Symbolsprache aus prähistorischen und »primitiv-afrikanischen« Elementen entwickelte, die er zu post-modernen »Weltbildern« zusammenstellte, wandelte er diese Bildzeichen in seinen Musikstücken mit Titeln wie Archaik-Fri-Jazz oder Afrika-Paranoia ins Hörbare um. Auch die Gemälde von Jean-Michel Basquiat lassen sich als Weltbilder verstehen. Auf ihnen verarbeitete der afroamerikanische Künstler Namen und Daten aus Biografien schwarzer Politiker, Athleten und Musiker. Vor allem die Ära des Bebop war für ihn ein wichtiger Bezugspunkt, deren Protagonisten wie Charlie Parker, Miles Davis oder Max Roach er zu Helden stilisierte, die sich gegen ästhetische Konventionen und Rassismus aufgelehnt haben.

Ernie Barnes Late Night DJ 1980 Acryl auf Leinwand 61 x 76,2 cm Collection Ted Lange, California Foto: © Ernie Barnes Family Trust © Ernie Barnes Family Trust

Dass der Jazz bis in die Gegenwart eine wichtige Referenz für Künstlerinnen und Künstler ist, um über Identität und Geschichte nachzudenken, bezeugen die Videoinstallationen von Stan Douglas und der Otolith Group. Für Luanda-Kinshasa (2013) hat Douglas das berühmte Columbia Records Studio in New York nachgebaut, in dem unter anderem bahnbrechende Alben von Miles Davis, Bob Dylan, und Glenn Gould entstanden sind. In dem sechsstündigen Loop improvisieren zehn Musiker über Grooves, die aus der funkigen Jazz-Rock-Periode von Davis stammen könnten, einer Zeit, zu der der Trompeter versucht hatte, sich wieder einmal neu zu erfinden. Allerdings fehlt in dem Dezett das  Hauptinstrument von Davis, wodurch eine Leerstelle entsteht und sich die Frage ergibt, wie die  Entwicklung des Jazz verlaufen wäre, wenn der Musiker sich nicht kurze Zeit später krankheits-bedingt für viele Jahre aus der Musik zurückgezogen hätte. Die Otolith Group dagegen arbeitet bei People to Be Resembling (2012) mit gefundenem Material. Im Zentrum stehen die ersten Aufnahmen der Weltmusik-Gruppe Codona, die 1978 in dem Tonstudio Bauer in Ludwigsburg entstanden. Zusammengesetzt aus dokumentarischen Sequenzen, historischen Fotos und Tonausschnitten von Lesungen aus Gertrude Steins The Making of Americans von 1925 ergibt sich eine filmisch collagierte Meditation über die Verbindung von Musik , Geschichte und Anthropologie.

Kunstmuseum Stuttgart

Dauer der Ausstellung
Samstag, 10. Oktober 201 5 – Sonntag, 6. März 2016

Öffnungszeiten
Di bis So 10 – 18 Uhr, Fr 10 – 21 Uhr

Das Museum bleibt am 24., 25. und 31. Dezember geschlossen. Am Neujahrstag öffnet das Museum von 12 – 18 Uhr, an allen anderen Feiertagen von 10 – 18 Uhr.

Eintritt
» I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920 « inkl. Sammlung: 12 € / ermäßigt 8 ,50 €
Kinder unter 13 Jahren frei. Gruppen ab 10 Personen: ermäßigter Preis pro Person

www.kunstmuseum-stuttgart.de

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