Refugees chic

Welches Glück für unsere Seid-umarmt-Millionen Vertreter: die anderen Elenden dieser Welt sind weit genug weg, oder sie sind zu nah und selber schuld an ihrem Schickal. Nix gelernt, zuviel gevögelt, das Geld versoffen, zu hohe Ansprüche als Hartz-Empfänger? Das alles gesteht man nur zu gerne den Angehörigen nichtsesshafter, südosteuropäischer Minderheiten zu, die hierher kommen, um sich als Flüchtlinge mitbepampern zu lassen und, wenn sie ein wenig Schwein haben, die Nummer für unabsehbare Zeit durchziehen können. Aber nicht denen, die als einheimische Kleinstrentner oder sonstwie Arme in der Tafel-Schlange hinter zahlreichen Neubürgern anstehen müssen, deren Ansprüche höher sind als das, was ihnen nun in Deutschland tatsächlich geboten wird.

Unsere Bärchenverteiler und Welcome-Klatscher sind nichts als gewöhnliche Heuchler, die sich mit ihrem Willkommengetue, entweder für den unsichtbaren Freund hoch droben oder vor ihren Artgenossen aus dem Nachbarschaftsstuhlkreis damit einen Ablass erkaufen wollen. Sie veranstalten in ihrer vorstadtreihenhausgesäumten Straße Syrische Abende oder Willkommenpartys, und wenn dabei (meine Schadenfreude war umgehend nichtendenwollend, als ich es las) von Refugees dann gleich mal die Damenkränzlerinnen nach guter islamischer Tradition tüchtig begrabscht werden, wirft das zwar einen unschönen Schatten auf den Abend, lässt sich aber natürlich immer noch erklären und rechtfertigen.

In den 1960er Jahren gab es das, von Tom Wolfe mit dem hübschen Wort “radical chic” in einem berühmten Essay beschriebenen Phänomen, dass sich insbesondere New Yorker weiße Intellektuelle mit militanten Schwarzen schmückten, mit denen sie die Annehmlichkeiten des reichen Lebens teilten, jedenfalls für einen Abend oder ein verständnisvolles Statement, abgelaicht in einem luxuriösen Appartement (“Leonard Bernstein and a Black Panther leader argued the merits of the Black Panther party’s philosophy before nearly 90 guests last night in the Bernsteins’ elegant Park Avenue duplex.”). Es war eine “exercise in double-tracking one’s public image: on the one hand, defining oneself through committed allegiance to a radical cause, but on the other, vitally, demonstrating this allegiance because it is the fashionable, au courant way to be seen in moneyed, name-conscious Society.” Daran hat sich bis heute nichts geändert, außer, dass inzwischen nicht nur Reiche und bekannte Figuren aus Funk und Fernsehen, sondern auch gerne Leute des geistigen Prekariats (Gläubische, Esoteriker, Anthroposphen, Veggies etc.) nun durch “Refugees chic” ein gutes Gewissen erkaufen. Was sich damals in “Emergence of the Black Panthers as the romanticized darlings of the politico-cultural jet set” manifestierte, ist nun das Verherrlichen oder zumindest Verharmlosen der als Religion getarnten radikalen Ideologie des Islams. Diese Verharmlosung geht bei uns soweit, dass man den ganzen Beifang in Form von Leistungserschleichern aus Balkanländern, dem Magreb oder Afrika billigend in Kauf nimmt. Sofern sie nicht weit genug weg sind, dann nämlich sorgen Berichte über deren Lebensumstände höchstens mal für ein kurzes “Es ist schon schlimm, was in der Welt geschieht”.

Da sich anfangs und lautstark nur Antimigrations-Gruppierungen bildeten, unter denen man durchaus zu Recht Rassisten und generell Fremdenfeindliche vermuten muss (ein jedes Rassismus’ völlig unverdächtiger Islamkritiker wie Ralph Giordano hingegen wurde und wird – man lese nur die verlogenen Nachrufe zu dessen Tod – tunlichst unterschlagen, und “zum Glück” ist er ja endlich verstummt) sieht man sich in seiner Welcome-Idiotie alleine schon deshalb auf der richtigen Seite, weil man sich so ja nicht in übler Gesellschaft wähnt. Was für eine Heuchelei. Für dieses gute Gefühl nimmt man nämlich gerne in Kauf, dass es linksfaschistische “Antifas” sind, deretwegen sich zu öffentlichen Versammlungen anrüchiger Parteien und Gruppierungen stets nur weitaus weniger Teilnehmer wagen, als es der Fall wäre, wenn deren Demostrationsrecht konsequent von staatlicher Seite geschützt würde. Wer sich freut zu lesen, dass außer in Dresden nirgends ernst zu nehmende Demonstrantenzahlen gegen die alle Gesetze und EU-Vereinbarungen verletztende Migrationspraxis Merkels zustande kommen, ist für mich ebenso ein Terroristensympathisant wie diejenigen, die Verständnis für Überfälle auf Migranten und deren Unterkünfte zeigen. Dass sie Heuchler sind, habe ich ja schon gesagt.

awb


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