Aberglauben und Gelaber

[flattr uid='herrenzimmer' btn='compact' lng='de_DE' /]

Als Freund von schönen, alten Wörtern und Begriffen – nicht von ungefähr heißt mein Blog „Das Herrenzimmer“ – mache ich mir seit geraumer Zeit Sorgen um die Formulierung „Ja, aber…“ Dabei gehört sie ja eigentlich zum Kernistrumentarium eines jeden Meinungsaustauschs, jedenfalls wenn ein solcher nicht in, sagen wir mal, Nordkorea oder dem Daech-Kalifat diskutiert wird. Aber „Ja, aber…“ geriet zunehmend auch in einem weniger cäsarenwahnhaft regierten Land wie zum Beispiel Deutschland auf die Liste der kontaminierten Begriffe. Vor allem im Kontext mit Fragen rund um den komplexen Komplex „Zuwanderung“ konnte man einen eklatanten Jaaber-Schwund feststellen. Würde man diese drei Silben zukünftig nur noch hinter verschlossenen Türen von Herrenzimmern, Boudoirs und Kemenaten gedämpft geraunt vernehmen oder selber verwenden dürfen? „Aber“, der „Neger“ unter den Subjunktionen?

Ein Mann, der selbst im fortgesetzteren Alter noch die Frisur eines Huhns trägt – der notorische Sascha Lobo – dachte sich vor nicht langer Zeit das Wort „Aber-Nazi“ aus. Könnte man irgendetwas von dem, was Lobo ablaicht, jemals ernst nehmen, wäre spätestens da der Moment gekommen, an dem man beginnen musste, von „Aber“ Abschied zu nehmen. Aber nicht alles, was jemand, dem der Spiegel einen Kommentatorenposten zugeschanzt hat, muss die Welt verändern, daher war der „Aber-Nazi“, wenn überhaupt, nur ein Streifen Tesafilm zum Sarg des Aber.

Immerhin, in Wörtern wie Aberwitz, Gelaber und Araber ist die Kombination der vier Buchstaben nicht gefährdet, ganz im Gegenteil, hier gewinnen sie zunehmend an Bedeutung. Um das „Jaaber“ hingegen habe ich mir ernsthaft Sorgen gemacht. Vielleicht ist es Ihnen ja selber schon passiert, womöglich sogar in prekärer Situation. Also wenn Sie zum Beispiel einen Satz bildeten, mit dem Sie eine Nachdenklichkeit, vielleicht sogar einen Widerspruch ausdrücken wollten. Der musste nicht einmal ausgesprochen die Silbe „ja“ enthalten, das „aber“ für sich alleine genügte, um Sie von dort, wo Sie tatsächlich gedanklich und politisch stehen, dorthin zu schieben, wo sonst schwarze Bauern stehen. Auf A7.

„Ich habe nichts gegen Zuwanderer, aber…“ – kaum jemand wird in einem ursprünglich als Meinungsaustausch ausgelegten Kontext viel weiter als bis „aber“ gekommen sein. „Rassismus“ dürfte die häufigste Entgegnung darauf gewesen sein; im homöopathischen Aberwitz würde man das als „Erstverschlimmerung“ bezeichnen. Auf die dann, im bessermenschlichen Gelaber, der direkte Angriff „Du bist Rassist“ folgte, was mit weiteren Bezeichnungen wie „Fremdenfeind, Rechter, Nazi“ etc. argumentativ hart untermauert wurde. War der Gegenüber gar Alleininhaber von Moral, Empathie und Menschlichkeit, konnte ein weiteres „aber“ aus Ihrem Munde zu einem unschönen Diskussionsende führen. Da flogen auch schon mal Kandelaber.

Inzwischen, Köln sei Dank, sehe ich nicht mehr ganz so schwarz. Ein Buch wie der vor einem Jahr erschienene Band “Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…”: Alltagsrassismus in Deutschland“ dürfte inzwischen höchstens noch als Sekundärliteratur unter einem wackelnden Tisch brauchbar sein. Und konnte man im Oktober 2015 noch bei N24 die Artikelüberschrift „Fremdenfeindlichkeit in Freital “Habe nichts gegen Ausländer, aber …”“ finden, dürfte selbst in den Köpfen dieser Verfasser neue, schmissigere Parolen ersonnen werden. Denn Jaaber ist nun auch im Sprachgebrauch der Bessermenschen angekommen.

„Ja, Köln, ein paar Busengrabscher. ABER was ist denn mit dem Oktoberfest?“ Aus vielerlei Mündern und Federn klingt es nun, dieses vermeintliche Argument dafür, dass es keineswegs nur von Samenkoller und Frauenverachtung gesteuerte Fremde seien, die ihre Finger nicht für sich behalten dürfen. Da ist die Floskel zwecks Einwendung dann legitim. Weitaus legitimer also, als in einem Satz wie „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber dagegen, dass in deren Bugwelle eine unüberschaubare Zahl von Nichtflüchtlingen ins Land kommen.“ Wer so etwas zu bedenken geben wollte und den Satz tatsächlich zuende bringen konnte, wird das höchstens in einem Selbstgespräch geschafft haben. Leuten wie Lobo wäre da schon längst der Kamm geschwollen, was sich in seinem „Aber-Nazi“ manifestiert hätte (nur, wer würde sich bei klarem Verstand überhaupt mit dem Mann unterhalten?)

Und nun auch noch Anja Reschke, Herrin über die Abteilung Moral und Anstand beim NDR. Gleich vier Mal hat sie in einem Kommentar vor wenigen Tagen das böse Wort gesagt. Gleich viermal hat sie es eingesetzt, um ein Umdenken, nein, so eine Art Ein-wenig-Nachdenken zu signalisieren. Nachdenken über ihr bisheriges bedingungsloses Grundvertrauen in die Legitimität der Merkel’schen Willkommenspolitik? Versucht sie mit ihrem GelABER, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die sie sich selber mit einem Kommentar geknüpft hat, der im vergangenen Oktober an Hochjubelei und Verharmlosung das meiste toppte, das ansonsten an Dreck über Kritiker ausgekippt wurde? Insbesondere ihre Leugnung der Gefahren, die für Frauen in Deutschland durch Teile der Migranten auftreten können, fliegt diese ihr jetzt um die Ohren?

Aber, aber, aber, aber: ganz ruhig, Brauner. Leute wie Reschke sagen nicht „aber“, um sich in einem Anfall von Einsichtigkeit von dem zu distanzieren, was sie an Aberglaube verbreitet haben. Und so läuft es nun in ihrem neuen Kommentar nach dem Muster „Ja, es ist blöderweise alles passiert, was die Aber-Nazis vorhergesagt haben, aber wir dürfen denen jetzt nicht recht geben.“

Es bleibt demnach nur Gelaber.

awb

Ähnliche Artikel im Herrenzimmer
wurde an einem 25. Februar geboren, nämlich 1842. Ihm zu Ehren ein Satz von Eugen Egner: "Für diesen Satz hätte ich Karl May geliebt: " ...
Weiterlesen...
Grafik: awb
Von Wiglaf Droste Am 6. November packten meine belgischen Gastgeber Angelika und Archi Bechlenberg mich in ihr Auto, Ziel unserer Ausfahrt war Lüttich. Im Wagen hörten ...
Weiterlesen...
Der wirre Poet.
Ein Sauerbraten kann ein Gedicht sein. Oder eine Buttercremetorte. Und gewiss hört man so manches Mal: "Diese Prinzessböhnchen! Ein Gedicht!" Etwas, das von Günter Grass geschrieben ...
Weiterlesen...
Cigarre in der fliegenden Cigarre.
Am 6. Mai jährt sich zum 75. Mal die Katastrophe, der das Luftschiff Hindenburg zum Opfer fiel, und wenn man die Bilder von damals sieht ...
Weiterlesen...
Mit den Doofen ist Paul, yo!
Von Wiglaf Droste Als eine sehr liebe Freundin mir vor einigen Jahren schrieb, daß sie in den Schriften von Paulo Coelho Trost gefunden habe, wußte ...
Weiterlesen...
Karl May
Lüttich, 13. Dezember
Der wirre Poet.
Cigarre in der fliegenden Cigarre.
Mit den Doofen ist Paul, yo!
 
 
Alles zum Thema Gedanken
Alles zum Thema Lesen, hören, sehen
Alles zum Thema Menschen