Hört, Rachegötter, hört der Mutter Schwur!

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Eine alte Frau, umgeben von Speichelleckern, Hofschranzen und geheuchelten Verehrern verliert vollkommen den Sinn für die Wirklichkeit und hält sich für eine der ganz Großen in ihrem Gewerk. Aus dem piefigen Nordosten ihres Landes stammend, macht sie sich dennoch einen Namen, zunächst in kleinen Kreisen von Gönnern und Leuten, die sich davon etwas für sich selber versprechen. Ihr Ruhm verbreitet sich wie ein Kellerbrand in einer Pappkartonfabrik. Folgerichtig kommt es schließlich zum Höhepunkt: Abertausende Menschen strömen herbei, um sie hören und sehen zu können, die Begeisterungsstürme und „Da Capos!“ wollen nicht enden…

Keine Sorge, liebe Leser, ich spreche nicht von ihr – schließlich soll diese Kolumne als Antidepressivum dienen und nicht, um uns den aktuellen Stand der Dinge da draußen im Lande noch plastischer vor Augen zu führen. Dennoch sind die Parallelen zwischen Florence Foster-Jenkins und einer anderen, raumgreifenden Frau offensichtlich. Beider Grundübel: nicht einzusehen, wie schlecht es tatsächlich um ihr Talent bestellt war, respektive ist.

Florence Foster-Jenkins steht heute im Guinnessbuch der Rekorde, nicht als „mächtigste Frau der Welt“, sondern als schlechteste Sängerin aller Zeiten. Es ist eben so eine Sache mit den Superlativen – sie sind nicht per se eine ehrenhafte Auszeichnung. Allerdings besaß die 1868 in Pennsylvania geborene amerikanische Sopran-Sängerin zumindest unbestreitbaren Unterhaltungswert – den Zuhörern traten unaufhaltsam fließende Tränen aus den Augen. Aber nicht etwa Tränen der Trauer – hier verlieren sich die Parallelen zu heute – sondern vor Lachen.

Dass es dazu kam, verdankt die Welt nicht zuletzt den Eltern der Dame; die zeugten sie nicht nur, sondern hinterließen ihr auch ein ansehnliches Vermögen, das es ihr ermöglichte, den Weg des Belcanto zu beschreiten. Wer so zu Geld kommt, gerät möglicherweise besonders leicht in Versuchung, sich der persönlichen Verblödung hinzugeben; ein Phänomen, das nicht auf ein bestimmtes Metier beschränkt ist und sich im Meinungsmachen und Publizieren ebenso manifestieren kann wie im Ariensingen.

Wenn heute gesagt wird, Mr. Charles Dorrance Foster hätte besser das Geld verschenkt, verbrannt oder vertrunken, als es seiner Tochter zu vermachen, ist das – so sah es Florence stets, wenn Kritik aufkam – nur auf die vielen Neider zurückzuführen, die ihr die triumphalen Auftritte und vielen Verehrer nicht gönnten. Das Selbstbild der Dame war unerschütterlich, sie hielt sich unbeirrbar für eine der ganz großen Diven des 20. Jahrhunderts. Was nicht alleine ihrem ausgeprägten Cäsarenwahn zu verdanken ist. Ihre Entourage, bestehend aus Adabeis, Abnickern und Günstlingen bestärkte sie nachhaltig in ihren Überzeugungen und Taten. Das ist heute in solchen Fällen auch nicht anders.

Sie habe sich „nie von den Absichten der Komponisten einschüchtern lassen“ urteilte einst ein Kritiker über Florence Foster Jenkins. Dagegen ist wenig zu einzuwenden, sie traf weder Töne, noch konnte sie diese halten, Intonation war ihr ebenso fremd wie jegliches Taktgefühl. Egal, was sie sang, ob Mozart, Verdi, Richard Strauss oder Brahms – es klang alles wie Waldi. Ihre Talentlosigkeit war geradezu atemberaubend, denn immerhin hatte sie einen nicht unwesentlichen Teil ihres Geldes in Gesangsunterricht investiert. Beim Hören ihrer Plattenaufnahmen fragt man sich allerdings, wie sie wohl ohne Ausbildung geklungen hätte. Und wie es ein gewisser Cosme McMoon wohl ausgehalten hat, in ihrer Nähe zu sein – der Mann begleitete sie nämlich am Piano. Selbst der taube Beethoven hätte wohl seine Büste nach ihr geworfen.

Dem heutigen Hörer bleibt leider Florence Foster Jenkins’ äußerliche Brillanz vorenthalten – sie starb 1944 kurz nach einem triumphalen, seit Wochen ausverkauften Konzert, zu dem sie in die New Yorker Carnegie Hall geladen hatte. Dabei war ihre Aufmachung ebenso schräg wie ihre Töne. Sie trug zwar weder Hosenanzüge noch einen Faconschnitt, dafür aber lange, wallende Kleider mit viel Flitter und Tüll sowie angenähten, riesigen Engelsflügeln; das wallende Haar wurde von Blumenkrönchen geziert. Gerne schleuderte sie aus einem kleinen Korb Blümchen auf das paralysierte Publikum. Was nicht etwa auf Verschwendungssucht hinweist; Assistenten hoben die zu Boden gefallenen Blumen auf, so dass sie diese ein weiteres Mal den Zuhörern vorwerfen konnte.

Und nun müssen Sie sehr stark sein – das Anklicken des Links geschieht auf eigene Gefahr. Am besten ziehen Sie vorher eine absolut dichte Gummihose an. Denn hinter ihm lauert Florence Foster Jenkins mit ihrer Interpretation von „Der Hölle Rache“ aus Mozarts Zauberflöte. Möge die Macht mit Ihnen sein!

Florence Foster-Jenkins war zwar verstrahlt, aber völlig harmlos; der Schaden, den sie anrichtete, war überschaubar. Daher hat man sie auch nicht vergessen. Gleich zwei aktuelle Spielfilme aus Frankreich und den USA widmen sich der Künstlerin, und unter Titeln wie „The Murder on the High C“ , „The Glory of the Human Voice“ und „The Nightingale – Der Hölle Rache“ sind einige CDs mit Interpretationen der grandiosen Matrone erhältlich. Man sagt, es habe am Tag der Aufnahme in den 1940er Jahren unter dem 3. Wiener Gemeindebezirk ein heftiges Erdbeben gegeben.

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