Benehmen vor 60 Jahren.

[flattr uid='herrenzimmer' btn='compact' lng='de_DE' /]

KNIGGE — ganz modern
3. Folge unserer neuen „Benimm”-Serie

Vom Rauchen

„Zigarette?”

„Gern.”

Lebrecht stand auf, ging zu Lisa, reichte ihr sein geöffnetes Zigarettenetui, gab ihr Feuer, nahm sich dann selbst eine Zigarette und lehnte sich behaglich in seinem Sessel zurück.

„Lebrecht, unser guter Onkel Ignaz würde mich jetzt für ein ganz mangelhaft gebildetes Geschöpf halten.”

„Aber warum denn das?”

„Weil ich eben aus deinem Etui die erste, beste Zigarette genommen habe, die mir in die Finger kam. Er sagt, man muß immer die zweite von links nehmen.”

„Lang lebe seine Sittenstrenge. Ich finde, es genügt schon, wenn man darauf achtet, daß man nicht erst alle anderen Zigaretten betastet. Mir gehen viel mehr drei Unsitten beim Feuergeben auf die Nerven.”

„Die wären?”

„Erstens: Mit ausgerecktem Arm über den Tisch hinweg Feuer reichen, weil man zu faul ist, aufzustehen. Zweitens: Beim Feuergeben eine Zigarette im Munde haben. Drittens: Jemandem, der einen freundlicherweise ein brennendes Zündholz hinhält, dieses Zündholz aus der Hand zu nehmen.”

„Ach, gerade das tun aber doch sehr viele?”

„Ja, und wahrscheinlich kommen sie sich dabei “besonders höflich vor. Sie sollten es lieber lernen, gebotene Höflichkeiten dankbar anzunehmen.”

Es gibt noch andere Dinge, die Lebrecht beim Rauchen beachtet. Nie bläst er einem anderen Tabaksqualm ins Gesicht, nie zündet er sich eine Zigarette an, wenn am selben Tisch noch gegessen wird, nie spricht er mit der Zigarette im Munde, nie läßt er Asche oder Zigarettenenden einfach auf den Fußboden fallen (auch im Theatervorraum nicht, wo es alle tun). Lebrecht findet es selbstverständlich, alle diese Verbote zu beachten.

(Fund in einer Kiste mit Zeitungsausschnitten aus den 1950er Jahren)


Ähnliche Artikel im Herrenzimmer
Gutes Benehmen? Keine Glückssache.
Zu den schlimmste Unsitten im Restaurant gehört für mich das gegenseitige Herumstochern in den Tellern der Anderen. "Lass mich mal deinen Fisch probieren" oder "Hier, ...
Weiterlesen...
Die Weltsicht vor 600 Jahren.
Schon früh war meine Liebe zu alten Büchern geweckt, ich konnte kaum lesen, da fand ich in der heimischen Bibliothek Bücher wie eine vielbändige Erstausgabe ...
Weiterlesen...
Dass Karl May heute vor einhundert Jahren
erleben musste, dass es keine ewigen Jagdgründe gibt, kann man allenthalben lesen. Und wenn er auch geschrieben hat wie von allen Hadschis und Halefs dieser ...
Weiterlesen...
Kubicki brennt. Wowi flennt.
Haaach! Welche Aufregung! Die Nichtraucher freut es, Berlins Regierenden Bürgermeister ("Wir können alles außer Flughafen") Klaus Wowereit hingegen gar nicht: ein Brand in seinem Bett ...
Weiterlesen...
Benehmen allein reicht nicht
"Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert." "Gattopardo", Roman von Giuseppe Tomasi, Fürst von Lampedusa in: Gräflicher ...
Weiterlesen...
Gutes Benehmen? Keine Glückssache.
Die Weltsicht vor 600 Jahren.
Dass Karl May heute vor einhundert Jahren
Kubicki brennt. Wowi flennt.
Benehmen allein reicht nicht
 
 
Alles zum Thema Lesen, hören, sehen
Alles zum Thema Menschen und ihre Dinge
Alles zum Thema Rauchen