Betörende Frau, betörende Stimme.

[flattr uid='herrenzimmer' btn='compact' lng='de_DE' /]

Cyrille Aimee

An einem Märztag über eine öde Autobahn durch eine dazu passend öde Gegend fahren müssen, dazu bei Wetter, wie man es eigentlich für diesen Winter schon abgehakt hatte, ist nicht gerade das, was man an einem Samstagnachmittag machen will, aber manchmal spielt einem das Leben halt übel mit. Wie gut, dass ich mir zusammen mit dem Schlüssel noch eine neu eingetroffene CD gepackt habe, auf der eine junge, zeitlos-schöne Frau zu sehen ist. Laut Cover heißt sie Cyrille Aimée, und der Albumtitel lautet “Let’s get lost”. Das alles zusammen macht neugierig, ist Let’s get lost doch einer jener Titel, die man mit Chet Baker verbindet. Er hat das Stück oft gesungen und gespielt, und Bruce Weber hat seinen Film über den 1988 verstorbenen Jazzmusiker ebenso genannt.

Und kaum, dass die ersten Takte der Platte erklingen, weiß ich: das ist ja mal etwas ganz besonderes! Eine grundsympathische Stimme erklingt, das Stück heißt “Live along and like it” und stammt von Steven Sondheim, dessen “Where are the clowns” zu den großen Songs des 20. Jahrhunderts gehört. “Live along and like it” ist im Stil des Gypsy Swing arrangiert, und schon fährt es sich wie in Richtung Urlaub.

Cyrille Aimée war mir bisher kein Begriff, also musste ich nachschlagen. Geboren ist die junge Dame 1984 in Fontainebleau südöstlich von Paris, schon seit einigen Jahren lebt sie in den USA, wo sie bis 2009 Musik studierte. 2007 gewann sie beim Montreux Jazz Festival den ersten Preis im Vokalwettbewerb sowie den Publikumspreis. Nicht die einzigen Preise, die sie inzwischen bekommen hat. Das erste eigene Album erschien 2008, das nun veröffentlichte “Let’s get lost” ist ihre vorerst aktuellste CD.

Und die hat es in jeder Beziehung in sich. Dass das erste Stück “Live along and like it” als Gypsy Swing arrangiert ist (mit einem raffinierten Blues-Intro), kommt nicht von ungefähr. Cyrilles Geburtsort Fontainebleau liegt nahe bei Samois sur Seine, wo einst Django Reinhardt bis zu seinem Tod 1953 lebte. Dort kam sie mit der Kultur und der Musik der Zigeuner in Berührung, was sie durch und durch geprägt hat. Ähnlich wie ZAZ hat sie überall in Europa auf der Straße gespielt, und quasi weg von dort geriet sie dann auf die Bühne in Montreux.

Die Auswahl der 13 Stücke auf “Let’s get lost” lässt erkennen, wie souverän sich die Französin im Great American Songbook auskennt. Darunter sind Klassiker, aber auch Geheimtipps wie There’s a lull in my life, Three Little words, Let’s get lost, Lazy afternoon, Laverne Walk und That old feeling. Vier Originals der Sängerin sowie ein Chanson von Georges Moustaki und eins von Juan Louis Guerra runden das durch und durch sympathische Album ab. Unbedingt müssen ihre beiden Mitmusiker genannt werden. Für den astreinen Gypsy Swing ist der Franzose Adrien Moignard zuständig, ein Gitarrist, der aus der europäischen Szene schon lange nicht mehr wegzudenken ist, so im Zusammenspiel mit Christian Escoude, Didier Lockwood, Selmer 607 und Zaiti. Der andere beteiligte Gitarrero heißt Michael Valeanu, er lebt, wie Cyrille Aimée in New York. Ergänzt wird das Trio von Bass und Schlagzeug. Im Mittelpunkt stets die sympathische Sängerin, deren Stimme ebenso betörend ist wie ihre Erscheinung.

Von Cyrille Aimée werden wir noch viel hören, es ist natürlich zu wünschen, dass sie nach Deutschland auf Tour kommt. Nicht erstaunlich wäre sicherlich auch, wenn man sie auf dem jährlich stattfindenden Django Festival in Samois sur Seine erleben könnte. Auch in Deutschland dürfte ihre Musik ein begeistertes Publikum finden. Im April 2016 tritt sie zumindest zweimal in Frankreich, in Bordeaux und im Pariser New Morning, auf. Eine Entdeckung und meine Empfehlung!

awb

http://www.cyrillemusic.com

http://www.adrienmoignard.com/

http://www.michaelvaleanu.com/

Ähnliche Artikel im Herrenzimmer
Eine Stimme aus Berlin – Jessica Gall
Jessica Gall ist Mutter zweier Kinder und dennoch professionelle Sängerin. Ihr Alltag ist facettenreich, bodenständig und modern. Sie ist durch unbd durch eine ...
Weiterlesen...
Eine Stimme voller Tiefe & Ein Gewinnspiel.
Vor zwei Wochen: Beim Hören einer neu erschienenen Compilation fällt mir eine prägnante Stimme auf, begleitet von einer erstklassigen Band. Gregory Porter heißt der Sänger, ...
Weiterlesen...
Joscho Stephan
ist wohl Deutschlands virtuosester Gypsy Swing Gitarrist, und obwohl er gar kein Zigeuner ist beherrscht er die Musik der Sinti und Roma durch und durch. ...
Weiterlesen...
Das beste aus zwei Welten: Joscho Stephan und Helmut Eisel.
Seit gut 15 Jahren gehört Joscho Stephan zu den ganz großen Gitarristen des Gypsy Swing, dabei ist der Mönchengladbacher weder in einem Pferdewagen am Dorfrand ...
Weiterlesen...
Joscho mal anders.
Joscho Stephan - der Name steht inzwischen weltweit für brilliant gespielten Gypsy Swing. Selbst unter den romanischen Nachfolgern des großen Django Reinhardt dürfte kaum einer ...
Weiterlesen...
Eine Stimme aus Berlin – Jessica Gall
Eine Stimme voller Tiefe & Ein Gewinnspiel.
Joscho Stephan
Das beste aus zwei Welten: Joscho Stephan und Helmut Eisel.
Joscho mal anders.
 
 
Alles zum Thema Genuss für die Ohren
Alles zum Thema Lesen, hören, sehen
Alles zum Thema Menschen