Gato.

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Für mich einer der Größten, wenn nicht der Größte der letzten 45 Jahre. Jedenfalls unter den Saxophonisten. Es war im Kino, dass ich Gato Barbieri zum ersten Mal hörte; er hatte die Musik zu Bertoluccis Film “Last Tango in Paris” geschrieben, und den wollte damals, 1972, jeder sehen, der auf schweinöses Kino stand. Also auch ich. Natürlich ist dieser – heute selbst im Free-TV ab und an gezeigte Film – alles andere als der Porno mit Weltstar, als der er seinerzeit vermarktet wurde, doch machen sich Skandale immer gut, und insbesondere der italienische Staat und der Vatikan taten das ihre dazu, dem gar nicht heiteren Film mit Marlon Brando und der niedlichen Maria Schneider tüchtig Publicity zu verschaffen. In ganz Italien, dem Produktionsland und Heimatland von Regisseur und Produzent, wurden die Filmkopien beschlagnahmt; bei einem anschließenden Prozess erhielten sie, ebenso wie Hauptdarsteller Marlon Brando, eine zweimonatige Haftstrafe. Dabei hat Last Tango, bis auf eine etwas kreative Verwendung von guter Butter, kaum etwas zu bieten, was nicht jedes der damals so populären PAM-Kinos deutlicher zeigte.

Egal. Barbieris Filmmusik war ein Geniestreich und wurde folglich mit einem Grammy ausgezeichnet. Ich kaufte damals die LP und hörte sie rund um die Uhr, und dann kamen im Laufe der Jahre alle weiteren Tonträger hinzu, auf denen der Argentinier zu hören ist. Selbst obskure, aus den 50er und 60er Jahren stammende Lifeaufnahmen irgendeiner südamerikanischen Bigband werden heute unter dem Namen Gato Barbieri vermarkt; diesen hört man dabei vor lauter Rauschen und Schraddeln der anderen Musikanten gar nicht raus. Was etwas heißen will; Gato bließ eine Kanne, die man stets nach wenigen Tönen als die seine erkannte: laut, aggressiv, überbordend vor Energie. Das hat er selbst im höheren Alter nie ganz aufgegeben, selbst auf den Platten der letzten zwei Jahrzehnte, die eine Art “Subversives Easy Listening” präsentierten. Zwar weit weg vom Gato des Freejazz in den 1960ern, aber ebenso weit weg von weichgespültem Lounge-Hintergrundgeplätscher, das als “Smooth Jazz” dem Rauschen einer Cocktailbar-Toilette den gewissen Feinschliff verpasst. Barbieri verdiente endlich mal Geld mit Titel wie Mystica oder I Want You, aber er blieb dennoch stets der ungestüme Südamerikaner, dessen Aufnahmen mit Don Cherry und Carla Bley ab Mitte der 1960er Jahre für Furore sorgten.

Als ich Gato vor 13 oder 15 Jahren live in Leverkusen auf dem Jazzfestival sah, machte er einen ziemlich derangierten Eindruck. Er spielte seine aktuelle Platte “Shadow of the Cat” tongetreu nach, verhedderte sich dabei immer wieder in seinem Mikrofonkabel und musste nach einer knappen Stunde von einem seiner Mitmusiker behutsam von der Bühne geführt werden. Damals gab ich ihm höchstens noch vier oder fünf Jahre, aber er hat es denn doch noch bis zum vergangenen Samstag geschafft, da ist er mit 83 Jahren in New York gestorben.

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Gato Barbieri
„Gato“ Barbieri (* 28. November 1934 in Rosario, Argentinien)
“Nicht die Lätta! Nimm Butter!”
Maria Schneider
Robin Kenyatta
 
 
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