Durch die Straßen und über die Löcher

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Marode Kernkraftwerke? Unterbelichtete Politiker und Terrorfahnder? Sie kennen Belgiens Straßen nicht.

Oft und gerne wühlt der Belgier in seinen Straßen herum. Was dann zur Folge hat, dass ganze Ortschaften, ja sogar weite Regionen, völlig von der Außenwelt abgeschnitten oder nur über weite Umwege erreichbar sind. Dies alles folgt natürlich einem ausgeklügelten Plan. In den ersten zwei Monaten der offiziell deklarierten Zeit werden zahlreiche Absperrungen, Schilder, Baustellenampeln und Bauwagen herbei- gebracht und formlos abgeworfen; in Letzteren können die Arbeiter sich je nach Wetter schützen. Da in Belgien immer irgendein Wetter ist, kommt diesem Bestandteil des Baustellenzubehörs eine besonders wichtige Aufgabe zu.

In den darauf folgenden Wochen füllen sich weitere, dafür bisher nicht vorgesehene Flächen mit Sandhaufen, Steinen, Zementerzeugnissen sowie allen weiteren Paraphernalien, die eine professionell betriebene Baustelle ausmachen. Man lässt sich mit all dem erfreulich viel Zeit, so können sich die Anwohner in kleinen Schritten daran gewöhnen, ihre Autos für unabsehbare Zeit am Ortsanfang (oder -ende, je nachdem, wo die Arbeiten stattfinden) zu parken und danach zu Fuß dem Heim zustreben zu müssen. Das erfordert natürlich gewisse Opfer; im feinen Stoff und mit geputzten Schuhen abends vom Tagewerk nach Hause zu kommen, macht sicher nicht jedem Betroffenen Freude (zudem, ich schrieb es bereits, in Belgien immer irgendein Wetter ist). Doch nimmt man dieses – ebenso wie die oft metertiefen, nicht unnötig abgesicherten Gräben vor den Haustüren – gerne in Kauf, hat man schließlich dank der Baumaßnahmen im Ort für eine lange, sehr lange Zeit Ruhe vor jeglichem Durchgangsverkehr.

Dieser wird, auch das ist Teil der Vorbereitungsphase, umgeleitet, meist weiträumig. Natürlich regiert auch dabei die Professionalität. Und so weisen gut sichtbare, orange Umleitungsschilder Ortsunkundigen den Weg. Zumindest ist das der Plan. Dass, über die Gesamtstrecke der Umgehung gesehen, stets mal an der einen und anderen, durchaus prägnanten Abbiegung ein solches Schild fehlt, scheint unabdingbarer Bestandteil der Umleitungsplanung zu sein, denn das tritt so sicher wie die nächste Vollsperrung ein. Hier hat der Belgier offenbar beim Franzosen gelernt, der die Kunst des Autofahrer-in-die-Irre-Leitens nahezu perfekt beherrscht.

Ich könnte da Geschichten erzählen, und eine aus jüngster Zeit hatte ich schon niedergeschrieben, aber jetzt gerade gelöscht, da ich mich schon beim Nachlesen wieder aufzuregen begann. Also gestrichen.

Warum der Belgier dies alles tut, will sich nicht immer erschließen, sehen die Straßen doch nach dem irgendwann erfolgten Ende der Maßnahmen oft auch nicht besser aus, als vorher. Ich verstehe von Straßenbau wenig bis nichts, eventuell lagen die eigentlichen Gründe für derartige Aktionen ja unter dem Asphalt. Man weiß so wenig und will auch gar nicht mehr wissen, Hauptsache, die Straße ist wieder freigegeben. Ob dann eventuell 5 km weiter … Doch lassen wir das.

Vor allem in den Tiefen der Ardennen gerät man, zum Glück meist auf eher weniger wichtigen Routen, auch auf Straßen, die eindeutig noch nie einer Baumaßnahme ausgesetzt waren. Das freut zwar die Anwohner, ist aber dem Fahrzeug wenig bekömmlich. Dabei sind es gerade diese kleinen Straßen, die den ganzen Charme der tiefen Wälder erlebbar machen und die man genau deswegen seine Ausflüge unternehmen möchte. Man sollte jedoch vermeiden, sich hier mit einem älteren Auto, einem Motor- oder Fahrrad oder gar einem britischen Sportwagen hin zu wagen. Diese Straßen sind in einem Zustand, der nur mit dem ähnlicher Strecken in den alten Bundesländern vergleichbar ist, seitdem es die neuen gibt. Oder mit anderen in Belgien. Dann heißt es Schritt fahren, um am Gefährt keinen schweren Schaden zu erleiden. Faustregel für die Geschwindigkeit: Man muss von einem Rollator überholbar sein. Was sich in den Ardennen ohnehin empfiehlt, will man nicht allzu viel von der großartigen Region übersehen.

Zu Beginn der 1990er-Jahre erschienen über Belgien Ufos, also unbekannte Flugobjekte, die dann aber auch wieder verschwanden. Da selbst vertrauenswürdige Personen von solchen Erscheinungen berichteten, wurden das Phänomen ernsthaft untersucht, man kam aber bis heute zu keinen vollständigen und befriedigenden Erklärungen. Ich habe ja folgende Vermutung: Belgien ist durch seine nachts beleuchteten Autobahnen sehr gut aus dem Weltall zu sehen. Es handelte sich bei diesen Ufos nun tatsächlich um außerirdische Raumschiffe, die die Lampen an den Autobahnen für Landelichter hielten. Also näherten sie sich, um auf diesen vermeintlichen Pisten zu landen. Bis sie dann deren baulichen Zustand sahen …

awb (Aus: Streifzüge durchs östliche Belgien)

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