Überlebensberatung mit General v. Erdacht.

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Nachdem der Uckermerk & Elaste Verlag in seiner Heimatbuchreihe „Deutschland wird bunt“ das Brevier „Einfach drauf zugehen – Wie Berührungsängste schwinden” (Pappband, roter Schmutztitel, halbseiden, 128 Seiten, Papier leicht angegrünt und lichtrandig, innen sauber, Schnitt minimal verstocktfleckig, 7,95 €), herausgegeben von Angela Rautenhand) veröffentlicht hat, erschien nun vor wenigen Tagen im Kubotan-Verlag ein ganz und gar gegensätzliches Buch mit dem Titel „Eine Armlänge ist so was von zu kurz!“ (Massivtitan, Eichenrücken, eingefräste Griffdellen, 185 Seiten, Schnitt gezackt und verstärkt. 9,95 €). Autor ist General v. Erdacht, ein renommierter Recke, der stolz auf eine bis Adam und Eva zurück reichende, nie unterbrochene Ahnenreihe verweisen kann.

Über Jahrhunderte ist die Familie v. Erdacht im Geschäft der Überlebensberatung tätig; Regime und Regierungen auf allen Kontinenten befolgen von je her ihre Ratschläge bezüglich Personenschutz, Limousinenpanzerung und allgemeiner, vorbeugender Volksabwehrmaßnahmen. Seit Generationen ist das Motto derer v. Erdacht: „Generalverdacht statt umgebracht!“ ein Leitmotiv, dessen sich die Großen und Mächtigen dieser Welt gerne bedienen, um nicht vorzeitig aus ihren Positionen oder gar dem menschlichen Genpool entfernt zu werden. Dabei war es immer egal, welchem politischen System v. Erdachts Adepten angehörten. So lernten frühsowjetische Komsomolzen ebenso wie später jedes FDJ Mädel, dass der Satz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ eines der wesentlichen Gesetze darstellt, ohne das man nicht weit kommt. Ein Satz, der von niemand Geringerem als dem vorbildlichen Vorsitzenden der Bolschewiki-Partei Wladimir Iljitsch Lenin stammt („Willst du einen Menschen dir erwählen, dessen Leben dir ein Vorbild sei, Komsomolze, dann erwähle Lenin: seinem Beispiel folge stets getreu.“). Auch diesen beriet einst ein früherer General v. Erdacht, genau wie später die führenden Köpfe des Nationalsozialismus, deren Blockwartsystem, nicht anders als die spätere ostzonale Staatsicherheit mit ihrem weit verzweigten Informantennetz, der Prämisse “Grundsätzlich jeder ist verdächtig!” verpflichtet war.

General v. Erdacht vertritt in seinem nützlichen und handlichen Buch vehement das Prinzip „Lieber mal umsonst verdächtigen als nie mehr wieder“. Ein Prinzip, so der Autor, das für das einfache Volk ebenso gültig sein muss wie für diejenigen, deren Leben sich rund um die Uhr hinter engmaschigen Sicherheitsmaßnahmen abspielt. „Wer sich nie ohne Begleitschutz in der Öffentlichkeit bewegt, wer nie alleine abends mit Bus und Bahn unterwegs ist, wer nie daran denkt, dass nicht Jeder, dem man abends begegnet, im Bibelkreis beim Kumbayamylord-Singen aufgewachsen ist, der hat zwar gut reden, aber keinen Anspruch darauf, ernst genommen zu werden.“ Mit diesen Worten beginnt v. Erdacht seinen praktischen Ratgeber, der zahlreiche nützliche Verhaltensregeln enthält, die heutzutage wieder so wertvoll sind wie zur Zeit der marodierenden Landsknechte Wallensteins. Auch macht er im weiteren Verlauf des Buches immer wieder deutlich, dass es, egal in welchem politischen System, kein Privileg der Eliten ist, sich auf sich selbst zu besinnen und das Handeln und Verhalten dem Gedanken der persönlichen Sicherheit unterzuordnen. Es steht auch uns, dem Volk zu, jedem und jeder Einzelnen.

Aber seht doch jenen Sultan an, der für »die Seinen« so liebreich sorgt. Ist er nicht die pure Uneigennützigkeit selber und opfert er sich nicht stündlich für die Seinen? Ja wohl, für »die Seinen«. Versuch’ es einmal und zeige Dich nicht als der Seine, sondern als der Deine: Du wirst dafür, daß Du seinem Egoismus Dich entzogst, in den Kerker wandern. Der Sultan hat seine Sache auf Nichts, als auf sich gestellt: er ist sich Alles in Allem, ist sich der einzige und duldet keinen, der es wagte, nicht einer der »Seinen« zu sein. (Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum)

Ich kann v. Erdachts Kompendium allen empfehlen, die klaren Kopfes sind und diesen auch gerne behalten möchten. Spätestens nach den ersten Seiten von „Eine Armlänge ist so was von zu kurz!” dürfte auch der unbedarfteste Leser erkennen, dass dem gegenüber Rautenhands „Einfach drauf zugehen – Wie Berührungsängste schwinden“ den selben praktischen und geistigen Wert wie die Sodbrenner „Ich wünsche mir was vom Universum“, „Glauben statt Wissen“ oder „Nosoden gegen Phimosen“ besitzt.

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