Was dann geschah.

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Stefan Wegner: Hi Gerald, hier ist Stefan, kommst du mal bitte rüber in mein Büro?

Gerald Hensel: Hi Stefan, mach’ ich gleich. Muss nur noch ein paar Tweets absetzen.

S.W.: Es wäre schön, wenn du sofort rüber kommst.

G.H.: Ja echt gleich, ich habe hier vorhin eine Morddrohung erhalten und…

S.W.: Bitte sofort! Sonst gibt es von mir auch noch eine!

G.H. (lacht): Haha, der war gut! Ja klar Mann, bin schon da.

Eine Dreiviertel Minute später

G. H.: Da bin ich? Was geht?

S.W.: Schön, dass du da bist. Setz dich doch.

Hensel setzt sich, kratzt sich und macht es sich bequem.

S. W.: Gerald, ja, was geht? Also, ich muss dir doch jetzt unbedingt mal sagen: du bist so ein Supermitarbeiter, der seit vielen Jahren einen tollen Job macht und …

G. H.: Hey, danke! Aber das weiß ich ja selber schon länger! (kichert)

S. W. Du bist ein sehr guter Digitalstratege und zugleich ein Querdenker. Und was du tust, tust du aus Überzeugung. Hab ich Recht?

G. H.: Da ist was dran. (kichert wieder). Ja, die Nazis würden wahrscheinlich sagen, ich bin ein Überzeugungstäter. (kichert sich in ein Lachen hinein) Diese braune Brut! Der zeig’ ich noch, wo der rote Stern hängt! Es ist so was von an der Zeit, dass jemand das Fass aufmacht. Neulich hat sogar dieser Innenminister Lothar de Maizière…

S. W. : Der Mann heißt Thomas.

G. H. Echt jetzt? Ich dachte immer … ach ist ja auch egal, auf jeden Fall heißt der de Maizière mit Nachnamen. Jedenfalls, der meinte, es müsse alles getan werden, um den Rechten…

S. W. : Meine Rede. Gerald! Und wer könnte das besser als du? Niemand! Davon bin ich überzeugt! Du machst das profimäßig, strategisch und bis ins Detail durchdacht. Und genau solche Leute brauchen wir!

G. H.: Hey, das klingt nach einer Gehaltserhöhung…

S. W.: Das nun nicht, Gerald. Besser, viel besser! Wenn auch nicht für die Agentur. Denn ein solcher Spitzenmann wie du wird uns verdammt fehlen. Wirklich, es ist…

G. H.: Fehlen? Wieso fehlen?

S. W. : Gerald, du bist dazu ausersehen, Deutschland, vielleicht die ganze Welt vor dem menschenfeindlichen und undemokratischen Verhalten der Rechten zu retten! Und wenn du bei uns arbeitest, fehlt dir dazu die nötige Zeit! Es bricht mir das Herz, denn auch wir, deine Arbeitgeber stellen uns in dieser Situation hinter dich und deine Absichten. Wir haben dir unser volles Vertrauen ausgesprochen! Und aus genau diesem Grund gibt es für uns konsequenter Weise nur eins: Dir für deinen weiteren Weg alle nur denkbaren zeitlichen Ressourcen frei zu geben…

G. H. (sein Grinsen nimmt die Farbe eines unschönen Gefrierbrands an). Verstehe ich das richtig? Du, Ihr meint…

S. W. : Genau, Gerald! Du hast uns gewonnen, überzeugt, überredet! Wir haben uns im Sinne deiner Mission dazu durchgerungen, dieser nicht im Wege zu stehen! Ein verdammt großes Opfer für die Agentur, das kannst du dir ja vorstellen! Aber du bist nun einmal ein politischer Kopf und bist in keiner Phase des über uns und dich herein gebrochenen Gewitters auf den Gedanken gekommen, mal einen Schlag oder zwei zurück zu rudern! Ich bewundere das, und du darfst mir glauben, das gilt auch für deine Kollegen! Und das will was heißen, denn wahrscheinlich gibt es wenige Menschen in unserer Agentur, die sich nicht schon einmal mit dir gestritten haben! Aber auch wieder vertragen, was du an dieser Entscheidung sehen kannst!

G. H. (der Gefrierbrand hat sich von seinem Gesicht bis in die Sneakers ausgeweitet). Ja aber… ich meine, Ihr steht doch voll hinter mir! Ich habe das doch noch vor ein paar Tagen allen verkündet, was Ihr für ein toller Arbeitgeber seid! Und wieso…

S. W. : Eben, genau! Das hast du komplett richtig verstanden, und es war auch wirklich gut, uns da weiter mit rein zu ziehen! Und niemand weiß das mehr zu würdigen als ich! Deshalb blutet mir auch das Herz, wenn ich dich einfach so ziehen lassen muss! Aber es ist nun einmal für die gute Sache, Gerald! Weißt du nicht, dass dich die Hälfte der Deutschen inzwischen für einen Gott hält?

G. H. Aber der bin ich doch wahrscheinlich gar nicht…

S. W. Wahrscheinlich? Was heißt wahrscheinlich? Junge, nicht so bescheiden! DU bist der Held, nicht wir! Die Agentur hat man mit unendlich vielen Behauptungen überschüttet: von der Verschwörungstheorie mit Hinweis auf unsere Regierungskunden bis zur Unterstellung, Initiator von Boykottaufrufen zu sein. Alles falsch, alles unverdient! Wir schämen uns ob dieser unverdienten Lorbeeren! Denn das alles sind wir nicht und werden es auch in Zukunft nicht sein. Doch du, Gerald, du bist der Fackelträger der Freiheit, der gerechten Boykottkultur, der Initiative für das Gute, Wahre und Richtige! Ergreife diese Chance, nutze die Zeit, die wir dir nun schenken! Und habe dabei stets im Hinterkopf, dass wir stolz darauf sind, dich auf diese Weise deiner Mission ganz und gar verfügbar zu machen!

G. H. : …

S. W.: Ja, das habe ich vermutet. Du bist so gerührt und bewegt, jetzt weißt du nicht, was du sagen sollst. Macht nichts, Alter! Es ist uns wirklich schwer gefallen, uns zu diesem Entschluss durchzuringen, aber es ist ja für die gute Sache!

G. H.: …

S. W. : Na, nun beruhige dich, danken musst du mir jetzt echt nicht. Und wir sehen uns ja noch oder telefonieren mal wieder. Nur eine Bitte: lass nicht alle Welt wissen, dass wir dich freigestellt haben, damit du zukünftig für deinen Kampf jetzt so richtig viel Zeit hast. Die Nazis und deren Pöbel könnten das falsch verstehen, und dann gibt es den nächsten Sturm, und wir würden eigentlich ganz gerne bei Scholz & Friends wieder zur Tagesordnung übergehen können. Sag einfach, du hast gekündigt, ok? Danke.

G. H.: …

S. W. : Ja denn, wenn sonst nichts ist – ich muss endlich mal meine Büroklammern nach Farben sortieren. Bedanken kannst du dich später immer noch. Ach was, musst du gar nicht! So was ist doch selbstverständlich gegenüber einem hoch verdienten Mitarbeiter. Also, das war’s. Und jetzt schreib erst einmal deine Tweets! Davai davai!

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