Ahnungslos und Spaß dabei

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Vor nunmehr einer Woche verordnete ich mir absolutes Medienverbot. Gedanken in diese Richtung trug ich schon länger vor mir her, aber wenn man sein Leben lang an dem interessiert war, was um einen herum geschieht, bedeutet die Abkehr vom Informiertsein einen mehr als radikalen Schritt, der nicht leicht zu gehen ist.

Als ich klein war, nahm mich mein Opa einmal in der Woche mit ins örtliche ALI-Kino. ALI stand für Aktualitätenlichtspiele und war ein überaus erfolgreiches Konzept. Dort gab es von morgens 9 bis abends 23 ein etwa einstündiges Programm, das aus Beiträgen verschiedener Wochenschauen und Kurzfilmen über Kultur und Natur bestand und mit einem Zeichentrickfilm oder etwas mit Dick und Doof endete. Danach gab es ein paar Minuten Pause, bis der Operateur die Filmrolle zurück gespult hatte, und dann fing alles wieder von vorne an. Mein Opa hatte natürlich im Sinn, dass mir die letzten 10 Minuten mit Disney-Cartoons und den alten Slapsticks am besten gefielen, aber ich liebte vor allem den Wochenschauteil, bestehend aus mit dramatischer Musik und ebenso dramatisch intonierten Kommentaren („Beim diesjährigen Maibaumrennen in St. Kützelmütz konnten sich die westdeutschen Sportskameraden souverän gegen die Gegner aus der Sowjetisch Besetzten Zone durchsetzen…“) unterlegten Schwarzweißaufnahmen wichtiger Ereignisse. Meine Wissbegier und mein politisches Interesse wurden durch die wöchentlichen Besuche der Aktualitätenlichtspiele ohne Frage so tief geprägt, dass sie mich über die folgenden Jahrzehnte stets begleitet haben. Bis letzte Woche. Denn seitdem rühre ich keine Zeitung, keinen Einschaltknopf und kein Internetzwerk mehr an.

Wie eingangs erwähnt, mit dem Gedanken spielte ich schon länger; es war mir sogar vor einigen Monaten gelungen, einen ersten konkreten Ansatz in diese Richtung zu unternehmen. Im Internetbrowser löschte ich den Ordner „Zeitungen“ sowie das Lesezeichen zu Facebook. Auch bestellte ich sämtliche Newsletter ab, die sich mit welt- und europapolitischen Themen befassen. Ich fühlte mich wie ein Raucher, der seine letzten Kippen ins Klo wirft. Doch nach der ersten befriedigten Erleichterung über diesen Schritt folgten rasch die höchst unangenehmen Entzugserscheinungen, und wenige Tage später hing ich bereits wieder voll an der Info-Nadel. Zu wissen: die vertraute Welt geht unter und man ist nicht dabei – unmöglich. Es kostete mich schweißtreibende Tage, die Lesezeichen wieder zu erstellen und die Newsletter zu abonnieren.

Ich will nicht ausschließen, dass es mir auch diesmal so ergehen kann, aber noch bin ich fester denn je entschlossen, den Entzug durchzustehen. Schließlich winkt als Belohnung eine gesunde Leber dank seligmachender Sorg- und Ahnungslosigkeit, also durch den Geisteszustand, der es immer noch Abermillionen von Mitbürgern erlaubt, ihr Schicksal voller Zutrauen denen anzuvertrauen, die sie einst für diesen Job gewählt haben und erneut wählen werden. Ich muss an dieser Stelle gewiss keine Namen nennen.

Bis auf einen. Der hatte entscheidenden Anteil an meiner nun dieses Mal ganz sicher voll durchgezogenen Abkehr von den Tiefen des täglichen politischen Geschehens. Genauer gesagt: der Vergleich Ralph Stegners mit meiner Lieblingsfigur aus der Muppet Show brachte das Fass zum Überlaufen. Stegner ist ohnehin nur schwer zu ertragen, aber dass man nun auch noch den sympathischen Beaker, den stets unfair gebeutelten Assistent von Dr. Bunsenbrenner, mit Stegner vergleicht, geht einfach zu weit. Gut, auch Beakers Mundwinkel hängen so tief, dass er ständig Gefahr läuft, über sie zu stolpern, auch rennt er wirrköpfig bis zur Hysterie in der Gegend herum und jammert dabei sein charakteristisches „Mi Mi Mi!“ Das allerdings auf so grundsympathische Weise, dass man ihn sofort in die Arme schließen und ihm beruhigend über den wirren Schopf streicheln möchte. Wen bitte überkäme ein solcher Impuls bei Stegner?

Nein, ich möchte diesen Herrn nicht weiter morgens nach Einschalten von Facebook sehen müssen, ebenso wenig wie all die Anderen, die in der gleichen Liga bolzen. Ich möchte nicht mehr nach einer halben Stunde Radio das Gefühl haben, außer in Deutschland seien nur Unmenschen, Diktatoren, Rassisten, EU-Schmarotzer und Wahnsinnige am Werk. Ich möchte mir nicht mehr von kritischen Medien den Tag verderben lassen, die mir erzählen, es gäbe eine überproportionale, steil ansteigende Kriminalitätsrate bei Migranten. Warum soll ich noch weiter morgens als erstes bei Facebook auf der Seite „Tägliche Einzelfälle“ lesen müssen, was alles von den regierungskonformen Medien unter den Teppich geschoben wird, da nur „von regionaler Bedeutung“? Das verdirbt einem doch den ganzen Tag. Wahrlich, ich habe versucht, dagegen anzukämpfen, habe Blumen- und Katzenbilder gepostet und mein Essen fotografiert und online gestellt. Vergeblich, kaum stellte ich oder ein Kontakt ein niedliches Katzenbild ins Netz, konterte jemand anders mit einem Schnappschuss, der Schulz und Stegner in einer Fischkonservenfabrik zeigt. Oder irgendwas mit Grünen drauf. Dagegen kommen doch alle Katzen-, Frösche- und Eulenbabys nicht an!

Und so lautet mein Fazit: Augen zu, Ohren zu, Mundwinkel hoch. Millionen Wähler können sich nicht irren. Frei von jeglicher Irritation durch islamische Bedrohung, durch unfassbare Kosten für die gesellschaftliche Integration nordafrikanischer Antänzer (hat es eigentlich noch keine Forderungen gegeben, ihnen kostenlose Tangokurse zu ermöglichen?) leben diese Leute munter dahin, schütteln höchstens mal kurz und zustimmend den Kopf, wenn sie etwas vom „Kampf gegen Rechts“ hören und rupfen vergnügt das Unkraut aus dem Vorgarten, das nun nicht mehr in der Biotonne landet, sondern im mittäglichen Salat. So möchte ich fortan auch leben. Ahnungslos und Spaß dabei. Der ganz große Salat kommt ohnehin. Und lasst mir Beaker in Ruhe!



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