
Wir reisten nach South Dakota. Vorbei an Indianerreservaten fuhren wir dahin, wo das Auge nur den Himmel und Graslandschaften sieht. Station machten wir in Pierre, der Hauptstadt von South Dakota. Unsere erste Erfahrung mit Bison war die, dass wir keine Erfahrung machen konnten. Obwohl wir uns mehrere Restaurants anschauten, konnten wir im Staat des Bisons kein Bison auf der Karte entdecken. Dies deckt sich mit meinen Erfahrungen aus New York und zeigt, dass Bison auch in den USA ein Nischenprodukt ist, welches nur in ausgewählten Restaurants zu haben ist. Eine weitere Stunde Autofahrt hinter Pierre fanden wir die Triple U Ranch. Sie ist eine der größeren Bison Ranches in den USA mit ca. 2500 Tieren. Zusammen mit dem Ranch-Manager Galen machten wir uns auf, Bisons zu sehen. Die Triple U Ranch hat eine Größe von 200 Quadratkilometern. Also dauerte es etwas, bis wir eine Bisonherde aufspürten. Ähnlich wie auf der Morgan Ranch ist auch hier das Gelände parzelliert. Dies dient dazu, den Weidegrund zu schonen. Bisons fressen wie Schafe und weiden das Gras bis zur Grasnarbe ab. In einer Parzelle laufen die Tiere immer außen am Zaun entlang. Uns wurde erklärt, dies hänge mit ihrem Wandertrieb zusammen. Ihr Instinkt lässt sie immer nach Möglichkeiten suchen, weiterzuziehen. Damit die Grasnarbe sich erholen kann, werden sie dann in andere Parzellen getrieben.
Wir fanden eine Bisonherde mit einem Bullen, der über alles wacht, Mutterkühen und Kälbchen. Bei der Annäherung merkten wir, dass Bisons im Gegensatz zu Kühen, die eher stoisch und gelassen Eindringlinge beobachten, doch sehr aufmerksam sind und ständig in Bewegung. Schnell verfallen sie in Trab, um Abstand zwischen sich und uns zu bringen. Es sind eben Wildtiere. Wenn man bedenkt, dass es Bisons schon seit 40 Millionen Jahren auf der Erde gibt, dann kann man sich vorstellen, dass ihre Überlebensinstinkte sehr gut ausgeprägt sind. Galen erzählte uns, dass am Morgen ein Jäger einen Bisonbullen geschossen hatte. Überhaupt ist die Einsamkeit hier ein Paradies für Jäger. Dick Cheney, aktueller Vizepräsident der USA, der letztes Jahr von sich reden machte, weil er einen befreundeten Jagdkollegen anschoss, ist hier gern gesehener Gast. Galen machte uns aber auch klar, dass mit Bisons auf der Jagd nicht zu scherzen ist. Ein Jäger, den Galen begleitete, verwundete einmal einen Bison, der sich dann gegen das Jägerteam wandte. Galen brauchte drei Schuss, bevor der Bison dann letztendlich in nächster Nähe umfiel. Dieses Erlebnis wird er sein Lebtag nicht vergessen.

Von den Jagdgeschichten kamen wir zu den für mich interessanten Themen Aufzucht und Fütterung. Groß steuern kann man die Geburtenquote nicht, erzählte uns Galen. Genügsam seien die Tiere. Im Endeffekt fressen sie nur rund ein Drittel von dem, was ein Rind braucht. Dass bei so einer Ernährung kaum Fett aufgebaut wird, wird einem sofort klar. Bisons haben nicht mehr als 3% Fettanteil im Fleisch, das ist weniger als bei anderem Wild, wie z.B. Reh. Der Boden auf der Triple U Ranch ist sehr ursprünglich, voll mit Mineralien und bewachsen mit verschiedenen Gräsern. Dies ist es, was den tollen Geschmack in das Fleisch bringt. Wie treibt man solche Tiere zusammen, wollte ich zum Schluss unseres Ausfluges noch wissen. Galens weise Antwort hätte ich mir denken können: "Du treibst sie da zusammen, wo sie von selbst hingehen möchten." Galen erläutert uns noch, wie wichtig beim Bison das Alter zum Zeitpunkt der Schlachtung ist. Er sieht es als entscheidendes Qualitätsmerkmal seiner Organisation an, dass für Edelteile nur Bisons geschlachtet werden, die nicht älter als 30 Monate sind. Sind sie älter, ist das Fleisch nicht mehr so zart, auch kann der Wildgeschmack zu intensiv werden.
Nachdem wir uns von der Ursprünglichkeit und Kraft der Tiere überzeugt hatten, fuhren wir zur Ranch zurück. Schaut man sich das Anwesen an, so wird einem klar, dass dieser Schlag Mensch, der Bison züchtet, schon schlechtere Zeiten gesehen hat. Auf Schnickschnack wird nicht viel Wert gelegt, alles ist rein funktional und karg ausgelegt. Galen stellt uns Kaye vor, die Eigentümerin. Sie lebt in einem der Häuser auf dem Gelände, daneben gibt es noch zwei andere. In einem wohnt Kayes Tochter mit ihrer Familie, in dem andern Galen mit seiner Familie. Kaye freut sich uns zu sehen. Ihr Haus gleicht einem Sammelsurium von Bison-Andenken. Nachhaltig bleibt mir die Lampe mit einem Bisonbein als Ständer in Erinnerung. Kaye erzählt uns von den Anfängen. 1959 hat ihr Vater die ersten Bisons gekauft. Davor hatten sie nur Rinder. Als dann 1966 ein großer Blizzard für mehrere Tage die Fütterung der Tiere verhinderte, stellten sie fest, dass die meisten Rinder ihr Leben gelassen hatten, die Bisons aber vergnügt und munter im Schnee spielten. Da entschlossen sie sich, von der Rinder- zur Bisonzucht zu wechseln. Wir fragten Kaye, wie das denn mit Kevin Costner war, der auf der Triple U Ranch den Film "Der mit dem Wolf tanzt" gedreht hat. Ja, erzählt sie, das war interessant zu beobachten, wobei sie von den eigentlichen Filmarbeiten nicht viel gesehen hat. Es wurde zu weit weg von der Ranch gedreht. Die Hütten aus dem Film stehen heute in ihrem Garten hinterm Haus, die hat die Filmcrew da gelassen. Bei der Besichtigung dieser Hütten musste ich amüsiert feststellen, dass es sich um Imitate handelte. Die Holzbalken, Rinde und Steine waren aus Fiberglas und Plastik gemacht - und dies in dieser ursprünglichen, fast menschenleeren Landschaft.

Wir fuhren weiter Richtung Westen nach Custer. Dieser kleine Ort liegt in den Black Hills, in denen sich auch Mount Rushmore befindet, sowie unser eigentliches Ziel, der Custer State Park, Schauplatz des jährlichen Buffalo Roundup. Einen Tag hatten wir Zeit, um uns vor dem Roundup - dem Zusammentreiben sämtlicher Bisons aus dem State Park - die Umgebung anzuschauen. Nachdem Custer mit seinen zwei Straßen schnell erkundet war - das Sehenswerteste ist die Kneipe mit Sägespänefußboden, die wir am Vorabend besucht hatten - nutzten wir den Tag und schauten uns schon einmal den Custer State Park mit seiner Tierwelt an. Mittlerweile sensibilisiert auf Größen, musste ich fest stellen, dass der State Park mit 280 Quadratkilometern nur unwesentlich größer war als Triple U und Morgan Ranch zusammen. Was uns erwartete, war eine tolle Landschaft. Ein Mittelgebirge mit viel Nadelholz. Die Namensverwandschaft mit dem deutschen Schwarzwald passt schon. Wenn auch alles weiträumiger aussieht, als in den teilweise engen Tälern des Schwarzwaldes. Auf der Fahrt durch den Nationalpark waren wir nun darauf aus, die wildlebenden Tiere zu beobachten. Wir wurden belohnt und sahen natürlich Bisons, verschiedene Hirscharten, Turkeys, Bighorn Schafe und Präriehunde. Der Custer State Park hat seinen Namen von General Custer, der berühmt wurde durch die Schlacht am Little Big Horn, in der seine Armee vernichtend von den Indianern geschlagen wurde und er den Tod fand. Little Big Horn befindet sich aber nicht im Custer State Park, sondern in Montana.
Nachmittags schauten wir uns auf dem stattfindenden "Buffalo Roundup and Arts Festival" um. Hier kann man allerlei handwerkliche Kunst rund um Bisons und Indianer finden. Dort trafen wir auch unseren Ansprechpartner für den nächsten Tag, denn das hatten wir schon erfahren, mit ca. 11000 erwarteten Besuchern muss man einige Dinge beachten, um nachher auch einen guten Stand ort zu haben. Andere Hotelgäste hatten uns erzählt, dass man im letzten Jahr vor fünf Uhr morgens in Custer aufbrechen musste, damit man das Roundup, welches um 10:00 Uhr startet, nicht verpasst. Unser Ansprechpartner gab zwar zu, dass das Vorjahr aufgrund des unerwartet hohen Besucherandrangs chaotisch verlief, aber dieses Jahr hätte man vorgesorgt und wenn wir um 7:00 Uhr morgens in Custer losführen, sei das auch früh genug. Neben diesen organisatorischen Fragen erfuhren wir von ihm auch etwas zur Geschichte. Der Custer State Park war essentiell an der Erhaltung des vom Aussterben bedrohten Bisons beteiligt. Im Endeffekt wurden hier die letzten 500 Bisons, die es Ende des 19. Jahrhundert noch gab, unter Naturschutz gehalten. Mittler weile findet seit 42 Jahren jedes Jahr eine Bisonauktion nach dem Roundup statt, bei der immer zwischen 300 und 400 Bisons an Züchter oder andere Staatsparks verkauft werden. Es leben ca. 1250 Bisons im Custer State Park. Diese Zahl wird auch nicht erhöht, da bei dieser Anzahl genügend Gras im Winter vorhanden ist und nicht zugefüttert werden muss. Aufgrund der 300 bis 400 Geburten pro Jahr wird dieselbe Anzahl wiederum verkauft. Nachdem wir bisher nur unter 100 Bisons in einer Herde gesehen hatten, war ich nach all den Vorgesprächen richtig gespannt, welches Schauspiel wir am nächsten Morgen erleben würden.

Bisonarten
Es gibt drei verschiedene Arten von Bisons, die alle zu den Wildrindern gehören. Die bekannteste Art ist der Steppenbison, beheimatet in der nordamerikanischen Prärie, auch bekannt als Indianerbüffel. Bullen können ein Gewicht von bis zu einer Tonne erreichen. Der Steppenbison ist der einzige, der heute für den Verzehr gezüchtet wird. Der Waldbison lebt noch in einigen Gebieten Kanadas. Er ist etwas schlanker und höher gebaut als der Steppenbison. Der dem Bison eigene Buckel wirkt beim Waldbison ausgeprägter. Die Fellfarbe ist etwas dunkler. Der europäische Verwandte ist das Wisent. Die Hörner sind etwas länger als bei der amerikanischen Art, aber insgesamt ist er etwas kleiner. Wild lebende Wisente gab es nach 1927 nicht mehr, in dem Jahr wurde das letzte Exemplar im Kaukasus geschossen. Ca. 50 Tiere überlebten in Zoos. In den 50er Jahren begann man in Osteuropa, Wisente wieder frei zu setzen. Heute gibt es von Polen, Litauen über Russland, Ukraine, Weißrussland bis Moldavien wieder kleine Herden, die meist in den Wäldern leben. Zeitlich einigten wir uns darauf, den goldenen Mittelweg zu wählen und um 6:00 Uhr morgens zu starten, also eine Stunde nach unseren Hotelnachbarn und eine Stunde vor der empfohlenen Zeit unseres Ansprechpartners. Nach guten zwei Stunden Stop-and-Go konnten wir an unserem Aussichtspunkt parken. Es war ein toller Morgen mit strahlendem Sonnenschein. Zelte für das Frühstück waren aufgebaut und so holten wir uns erst einmal Rührei und Kaffee. Neben uns stellten Fernsehstationen und Fotografen ihr Equipment auf. Interviews fanden vor laufender Kamera statt. Irgendwie fühlte ich mich an die Berichterstattung zum Groundhog Day erinnert. Dann fing das Warten an. Es wurde 10:00 Uhr. Offizieller Start, aber kein Bison zu sehen. Nur ein paar wilde Esel trugen zur Belustigung des Publikums bei. 10:30 Uhr: Eine Autokaravane aus Regierungswürdenträgern, inklusive dem Gouverneur von South Dakota, fuhr durch das Gelände und sorgte kurzzeitig für Gesprächsstoff.
10:50 Uhr: Nun sahen wir am Horizont auf einem Bergkamm die ersten schwarzen Punkte. "Die Bisons kommen". Dann ging es schnell. Eine halbe Stunde später rannten 1200 Bisons an uns vorbei. Staub wirbelte auf, die Cowboys auf Pferden und in Pickup-Trucks trieben die Bisons so gut es ging zu den Gehegen. Dort sollte die offizielle Zählung, Sortierung und das Branding stattfinden. Als der erste Schwung an uns vorbei war, wurden wir auf Pickup-Trucks geladen und zu einem zweiten Aussichtspunkt gebracht, der näher an den Gehegen lag. Unter dem Gejohle der Menge mussten die Cowboys immer wieder Ausreißergruppen einfangen und versuchen, sie wieder einzugliedern. Insgesamt war es ein gewaltiges, aber auch ein eher ruhiges Spektakel. Die Cowboys waren immer bemüht, eine Stampede zu vermeiden. Denn Bisons können über sehr lange Strecken mehr als 50 km/h laufen - und wer will die dann noch stoppen. Auf dem Rückweg sahen wir dann noch einen sehr großen Bullen auf einer Wiese liegen. Dieser war uns ob seiner Größe schon am Vortag aufgefallen. Offensichtlich hatte er keine Lust, sich am Roundup zu beteiligen und die Cowboys sahen es wohl nicht für notwendig an, den großen Kerl zu motivieren. Als ich wieder zu Hause war, habe ich mir die Auktionsergebnisse der Bisonverkäufe angeschaut. Der Custer State Park konnte 214 Tiere verkaufen, unterteilt nach Mutterkühen, Zuchtbullen, einjährigen weiblichen und männlichen Tieren. Der Durchschnitts preis verglichen mit den Jahren 2005 und auch 2006 lag um 22% höher. Im Mittel wurden ca. 780 US-Dollar bezahlt. Ein Zuchtbulle kostete mit über 2100 US-Dollar fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Für mich ist dies ein Zeichen, dass die Nachfrage nach Bison steigt. Bei dem tollen Fleisch ist das auch kein Wunder.
Text Stefan Otto und Fotos Thomas Ruhl
erschienen in PORT CULINAIRE No. 5