
Einen "unerträglich polierten Stil" bescheinigte ein Kritiker bei der Süddeutschen Zeitung bereits vor etwas mehr als zwei Jahren dem ehemaligen Chefredakteur des russisch-deutschen Magazins Cigar Clan, Dieter Wirtz, angesichts dessen Davidoff Biografie und zog das Resumee, dass Wirtz "nur wenig vom Verfassen einer spannenden oder gar aufschlussreichen Biografie versteht." Inzwischen hat Cigar Clan einen neuen Chefredakteur.
Seit nunmehr zehn Jahren befasst sich der frühere Lektor damit, Cigarrenbücher zu schreiben und zu publizieren, und soeben ist ein neues Buch erschienen, das er zusammen mit dem Cigarrensommelier Matthias Martens sowie einigen Gastautoren verfasst hat. Es hat den Titel Cigarre und Co - Cigarren und ihre Begleiter und beschäftigt sich mit der Frage "Welches Getränk zu welcher Cigarre?". Wie vom Fackelträger Verlag nicht anders zu erwarten ist das Buch ansprechend aufgemacht und bietet einen durchaus wertigen Eindruck.
Wer sich durch die beiden langatmigen, um mit John Cleese zu sprechen "sehr sehr uninteressanten" Vorworte sowie eine "Zwiesprache" der beiden Autoren geabeitet hat, in denen sie sich hauptsächlich selber feiern und dem Leser wortreich erzählen, wie sie einander getroffen und kennengelernt haben, findet sich mit Wirtz' leider nur rhetorischen Frage konfrontiert, was das alles überhaupt soll. Kann, soll und vor allem darf man Empfehlungen darüber aussprechen, warum welche Cigarre zu welchem Cognac, Wein, Whisky, Champagner, Obstbrand oder Kaffee schmeckt? Wie kommen solche Empfehlungen zustande? Kann man sich tatsächlich durch hunderte von cubanischen Cigarren und ebenso viele verschiedene Rums arbeiten, um dann das eine wirklich zusammen passende Paar feststellen und empfehlen zu können? Diese einfache Frage und die noch einfachere Antwort "Nö" lassen erkennen: so etwas geht gar nicht. Derartige Empfehlungen müssen zwangsläufig subjektiv und vor allem alles andere als verbindlich sein. Aber anstatt still zu halten schreiben Wirtz und Co dieses Buch. Dabei lässt der Autor durchaus im Laufe des Vorwortes ansatzweise erkennen, dass ihm der Sinn seines Tuns selber nicht so ganz klar erschien. Das Buch gibt's nun trotzdem.
Cigarre und Co ist eine ganz informative Warenkunde über zahlreiche Getränke und Schokolade, durch die der Leser und Konsument, der sich bis dahin noch nicht anders informiert hat, allerlei Wissenswertes über Geschichte, Herstellung und Konsum von Wein, Sherry und Co erfährt. Wer bisher nicht wusste, wie und aus was Wein und Whisky hergestellt werden kann sich in Cigarre und Co schlau machen.
Wäre da nur nicht Wirtz mit seinen bräsigen Bildern und mehligen Metaphern. Da sind Zeitungen Gazetten, da wird von den Erdenläuften gefaselt, Weine sind Gewächse, in Havanna stehen altehrwürdige Bauten, der Mensch erholt sich von den Mühen des Tages, vor allem, wenn er zu den Honoratioren gehört und Pretiosen raucht. Da gibt es den wahren Genießer (der den ratlosen Leser fragen lässt, was wohl einen unwahren Genießer ausmacht). Ist er ein Holländer schmaucht er gerne ein Pfeifchen. Noch mehr kurioses? Wein von der Ahr gönnt sich gern mal ein Schäferstündchen mit einer Cigarre. Und so fort in der Gartenlaube. Einen Lektor - eigentlich doch Wirtz' Kernkompetenz - hätte das Buch auch in Fragen der Rechtschreibung gut gebrauchen können, mal fehlt ein Akzent, mal stimmt ein Artikel nicht, mal hört ein Satz komplett mitten im Wort auf. Und selbst an Wirtz' Kompetenz in Sachen Cigarren muss gezweifelt werden, so zählt er zwar die cubanischen Marken auf, die seit dem 19. Jahrhundert bis heute produziert werden ("es seien nur die genannt, die bis in unsere Zeit überlebt haben"), eine der wirtschaftlich und tabakhistorisch wichtigsten dieser Marken, nämlich Partagás mit ihren zahlreichen und zum Teil legendären Formaten wie die Lusitania oder die Serie D No. 4 kommt in seiner Liste gar nicht vor. Das ist als würde man deutsche Automarken aufzählen und VW nicht erwähnen.
Es wurde schon gesagt: wer sich über Geschichte und Herstellung gängiger Getränke kundig machen möchte findet im Buch durchaus wertvolle Informationen, jedenfalls bis er an das Kapitel Kaffee, Tee und Schokolade kommt, da taucht der Tee nämlich nur in Form eines Erntefotos aus irgendeinem Bilderstock sowie eines Rezeptes für Minzetee auf - vielleicht gedacht als Service für die Freunde von Mentholcigarren? Dabei sind schwarzer Tee, Oolong und manchmal auch grüner Tee ganz wunderbare Begleiter von Cigarren und dürften gerade in einem solchen Buch mit diesem seinen Anspruch mehr gewürdigt werden. Wahrscheinlich war der Tee den Autoren nicht glamourös genug, deshalb zählen sie lieber die Champagnerflaschengrößen bis 30 Liter auf, das klingt mehr nach Herren von Welt, schließlich gebührt dem Champagner ja "uneingeschränkt die Getränkekrone". Traurig ist es auch um Bier bestellt, nur marginal in ein paar Sätzen kommt es im Buch unter "Sonstige Getränke" vor.
Das Fazit nach 220 Seiten: sprachlich ein wahres Alterthümchen, inhaltlich uninteressant. Cigarre und Co ist ein Buch, das wohl in der Frage "Was könnte ich denn noch über Cigarren schreiben?" seinen Ursprung hat.
a w bechlenberg
Dieter H. Wirtz und Matthias Martens
Cigarre und Co
Edition Fackelträger
gebunden, ca. 200 farb. Abb.
224 Seiten, Format 24 x 28 cm
ISBN: 978-3-7716-4381-2
September 2008
EUR 49,95