Vielleicht ist es sein Problem, dass der Autor in Hamburg lebt. Einem Hamburger traut man Humor nicht zu, bestes zutreffendes Beispiel dafür ist Fips Asmussen, der so witzlos ist wie wenige sonst. Warum lebt Marquardt nicht weiter südlich, im Dunstkreis der Neuen Frankfurter Schule? Da nämlich würde er hingehören, ist er doch nicht weniger komisch als Gernhardt, als Henscheid, als Bernstein und Waechter, und auch nicht weniger neben der Spur als Eugen Egner oder Thomas C. Breuer. Andererseits: auch Fanny Müller lebt in Hamburg, und der kann man nun wirklich nicht Humorlosigkeit nachsagen. Am Umfeld kann es also, wenn überhaupt, nur bedingt liegen.

Fakt ist: Axel Marquardt ist gegenüber anderen Hochkomikern mäßig bekannt, sein Wikipedia Eintrag zählt gerade mal einige wenige Zeilen, und das ist eine Schande. Denn wenige Autoren haben komischeres von sich gegeben als der 1943 in Insterburg geborene Schriftsteller, der heute, wir sagten es bereits, im Hamburg lebt.

Mir ist Marquardt seit vielen Jahren durch das Radio ein Begriff, genauer gesagt durch den Sender WDR 5. Für diesen verfasste er neben anderen Hörspiel(ch)en hunderte kleiner Drei- bis Fünfminüter, in denen es immer um die Zahl Fünf ging. Das fing dann zum Beispiel so an: "Professor Brinkbäumer legte das Präparat auf die Glasscheibe, deckte eine zweite Glasscheibe darüber und schob das Objekt unters Mikroskop. Er drehte an der Rändelschraube und stellte die Optik so scharf, wie er nur irgend konnte.Zuerst wollte er nicht glauben, was er da sah, aber es gab keinen Zweifel. Sein Traum war endlich in Erfüllung gegangen: Er hatte die fünfte Dimension entdeckt!" Und geriet in den folgenden Minuten immer mehr aus der Kurve, so wie es sich für einen anständig komischen Text gehört.

Von Marquardt wurden seit 1988 etliche Bücher veröffentlicht, Prosa und Gedichte, bei Haffmans, bei Rake, bei 2001, bei Kunstmann und im Europa Verlag. Und nun steht - in Kürze - an: WAS BISHER GESCHAH. Alle Mach-, Lach- und Meisterwerke. Haffmans bei 2001 hat einen prächtig dicken Band mit deutlich über 700 Seiten gebunden, der alles versammelt, was zwischen 1988 und heute von Marquardt erschienen ist. Erzählungen, Kurz- und Kürzestgeschichten, Glossen und Gedichte. Alles hochkomisch und zugleich lehrreich, wendet der Autor sich doch schonungslos den drängendsten Problemen des heutigen Menschen zu, dem Altern, dem Gesundheitswesen, der Ortsveränderung, der Bewirtung und Beköstigung. Bei allem erweist sich Marquardt als Meister der Anfänge, sei es in der Prosa, sei es in der Poesie: "Der Flur war finster wie ein Hühnerarsch. Und er roch auch so. Und er war genau so schmierig." Oder: "Meine Frau, sagte Skutta, nimmt harte Drogen, gehört einer Sekte an, geht fremd, hat neulich in einem Pornofilm mitgearbeitet, klaut im Supermarkt wie ein Rabe, trinkt und - was das Schlimmste ist - schnarcht des Nachts. Außerdem liest sie Bücher." So in der Prosa. Und im Gedicht? "Des Morgens, wenn ich früh aufsteh / dann tut mir meine Birne weh." Kann eine Sprache lebendiger, wahrer, näher am Leser sein?

Erleben Sie mit, wie Ingomar von Wadersloh die Puppen tanzen lässt und wie es der geilen Brigitte so geht, staunen Sie über einen Abend mit Harald Juhnke, Ralf Wolter und Peer Schmidt und eine Nacht in Rheine (Münsterland), den Showdown zwischen dem Kätnerssohn Markus Stavenhagen aus Quedlinburg und seiner Lieblingskuh Helga, wie Frau Margot dem herben Charme eines unbarmherzigen Investigators erliegt, das unglaubliche Schicksal des Herrn Mildenberger, der trotz eines Bankraubs, eines Auftragsmords und eines Dreieinhalb-Millionen-Lottogewinns beinahe doch noch eine Anstellung im Zahnlabor Hauschild GmbH & Co KG in Soest gefunden hätte, das tragische Scheitern der unbegabtesten Gattenmörderin Westdeutschlands, sprechende Lauchstangen, rohe Hackfleischbällchen werfende Sylter Edelschlampen, ausführliche Unterweisungen zum rechten Essen und Trinken (sehr nützlich!). Dazu werden die federnden Verse des ungeschlagenen Leichtlyrikers gereicht, des deutschen Meisters im Fliegengedicht. Und vieles, vieles, vieles mehr.

Der Autor versteht es zudem meisterhaft, sich dem Rezensenten, also mir, dienstbar zu zeigen, seine Richtlinien für Besprechungen des Bandes enthalten alles, was dem Kritiker an die Hand zu geben ist: "Das Buch ist überwiegend zu preisen und zu loben, doch nicht zu undifferenziert, sondern so, dass beim Endverbraucher nicht etwa der Verdacht der Lobhudelei, Einflussnahme oder gar Bestechung entstehen könnte."  Aber nur zu gerne, Meister! Und er geht uns Rezensenten mit einigen Vorformulierungen zur Hand, von denen wir diese nur zu gerne übernehmen: "Ein großes Talent, von dem wir noch viel Gutes erwarten dürfen." Was kann man schöneres sagen über Axel Marquardt, den deutschen Meister im Fliegengedicht?

awb

Axel Marquardt: EINE KLEINE GESCHICHTE DES NICHTRAUCHENS

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2001