
Noch ein Zug aus der Cigarre, dann die Rennbrille auf und ab auf den Kurs - Koch Horst Lichter, bekennender Motorsportfan, war in seinem Element. Das Fahrzeug: der letzte noch existierende Formcar aus der Porsche-Produktion. Porsche-Rennleiter und PR-Chef Huschke von Hanstein hat 1964 im Auftrag von Ferry Porsche in den USA sechs Bausätze des Formcars nach Deutschland geholt und in Zuffenhausen auf VW-Fahrgestelle montiert. Es entstanden kleine Monoposti, welche Porsche zur Förderung des Rennfahrernachwuchses einsetzte; unter anderem im Jahr 1965 auf der Solitude-Rennstrecke vor den Toren Stuttgarts. Heute gehört das seltene Fahrzeug zum Fundus von Tobias Aicheles Scuderia Solitude.

Tobias, alter Rennsporthase, Motorbuchautor und Chef der Solitude GmbH, eine besonders im historischen Motorsport etablierte Agentur für Veranstaltungsmanagement, Kommunikation und Marketing, hatte noch ein weiteres Fahrzeug mit nach Schloss Dyck, gebracht, wo zum nunmehr vierten Mal die Schloss Dyck Classic Days - In memoriam Graf Berghe von Trips stattfanden - seinen alten Renntransporter der ehemaligen Hamburger Marke Tempo, umgebaut in die Cafébar Temporär, die neben Espresso mit perfekter Crema Cigarren der Marke "Mythos Solitude" bot, die Aichele vor einigen Jahren zusammen mit dem Stuttgarter Tabakwarenhändler Siegfried Schäuble kreiierte und auf den Markt brachte. Und an einer solchen delektierte sich - mit perfektem Handling, das den Kenner verriet - der ewig gut gelaunte Horst Lichter. Gewiss ein cleverer Zug von Tobias Aichele, diese inzwischen bundesweit bekannte rheinische Frohnatur zu einige Runden im Porsche Formcar einzuladen - wie Licht die Motten zieht Lichter die Damen an, die sich um ein Erinnerungsfoto mit dem kochenden Schnauzbart drängten.


Zwar nicht ganz so populär wie Horst Lichter war der zweite Gast, den die Solitude GmbH mit nach Schloss Dyck bei Jüchen im Rhein-Kreis Neuss gebracht hatte - aber dafür fuhr dieser schon professionelle Rennen, als Lichter noch gar nicht geboren war: der Braunschweiger Kurt "Kurti" Ahrens lies es sich mit seinen inzwischen 69 Jahren nicht nehmen, in den kleinen weißen Flitzer zu steigen und aus diesem auf dem 2,8 km langen Rundkurs alles herauszuholen. Ahrens fuhr Rennen seit 1958 und startete zwischen 1966 und 1969 viermal in der Formel 1. 1967 feierte er einen großen Erfolg mit dem Gewinn des Großen Preis der Nationen auf dem Hockenheimring.

Schloss Dyck Classic Days - zum vierten Mal in Folge hatte der gemeinnützige Verein Classic Days e.V. ein Treffen organisiert, das inzwischen auf der Jahresagenda zahlloser Freunde historischer Fahrzeuge ganz oben steht, und von Jahr zu Jahr werden es mehr. In diesem Jahr waren es insgesamt 35.400. Viele Besucher hatten sich passend zum Anlass nostalgisch gekleidet, und vor allem die Damen setzten mit wallenden Kleidern und Hüten so manches Glanzlicht. Überall auf den Wiesen rund um das Schloss hatten sich Besucher auch wieder zum Picknicken niedergelassen, was viel zu dem familiären und besucherfreundlichen Charakter der Veranstaltung beitrug.

Auch wieder dabei: Jochen Mass, der frühere Formel 1 Fahrer, ließ die Zuschauer an einem besonderen Ereignis teilnehmen - er steuerte den ersten von Mercedes gebauten Silberpfeil W 25 von 1934 über den Rundkurs, und schonte dabei weder sich noch das Auto noch die Ohren der Zuschauer, denn dieser Wagen hat es wirklich in jeder Beziehung "in sich". Mercedes-Benz feiert in diesem Jahr „75 Jahre Silberpfeil“ und hatte dazu aus seinem Museum den W25 von 1934, dem W125 von 1937, den W154 von 1939 und den W196R von 1954 mit dem dazugehörigen Renntransporter „Blaues Wunder“mitgebracht. Neben Jochen Mass war noch ein zweiter legendärer Fahrer vor Ort: Hans Herrmann, der auch mit 81 Jahren noch souverän seine Runden drehte.

Der Rundkurs neben dem Schloss- und Parkgelände war vor allem für die Fans des Motorsports auch in diesem Jahr wieder der große Anziehungspunkt, und nahezu pausenlos fanden dort Rennen in den verschiedensten Kategorien statt: Rennen über die Viertelmeile, Monoposterrennen, Motorradrennen, Sonderläufe Museumsfahrzeuge und und und. Die folgenden Bilder geben einige Impressionen wieder.




Unter den hunderten von gemeldeten und tausenden von Besucherautos bestimmte hervorzuheben ist quasi unmöglich - man sah ebenso liebevoll restaurierte Bugattis wie BMW Isettas, und jedes dieser Autos hat seinen ganz besonderen Stellenwert (auch wenn zwischen einem Bugatti und einem Renault CV4 eine gewisse Wertdifferenz bestehen mag...). Die Besucher jedenfalls hatten an allen Fahrzeugen ihre Freude, und vor allem Kinder und Jugendliche standen oft staunend vor den Ergebnissen früherer Automobilbaukunst. Auch hier einige persönliche Impressionen:












Auch wenn das Wetter am zweiten Tag nicht mitspielte und man Sonnenschirm gegen Regenschirm tauschen musste waren die Classic Days 2009 wieder ein unvergessliches Erlebnis für alle Besucher, und das vor allem Dank des Vereins und der zahllosen ehrenamtlichen Helfer, die seit Monaten auf das erste Augustwochenende hin gearbeitet haben. Dass mit der Veranstaltung auch noch einige gute Zwecke verbunden sind, so im Dienste der Stiftung Schloss Dyck, die sich um Pflege und Erhaltung des historischen Gemäuers und seiner Parkanlagen kümmert und der Stiftung "Klassiker gegen Darmkrebs" verdient besondere Beachtung.
Nicht alles Wissenwerte rund um die Classic Days soll an dieser Stelle untergebracht werden, wir verweisen auf die zahlreichen weiteren Artikel zu der Veranstaltung, die Sie hier im Herrenzimmer finden, verwenden Sie dazu unsere Suchfunktion oben links. Lesen Sie zum Thema "Begeisterung für alte Technik" auch unser Interview mit Vereinssprecher Eicke Schüürmann, das wir im letzten Jahr führten.
Text: Archi W. Bechlenberg, Fotos (c) Archi W. Bechlenberg und Angelika Bechlenberg
