
Der vortragende Reiseschriftsteller lebt man als eine Art Nomade im Speck. Gezahlt wird in bar, man hat die Flocken lose und ölt und eiert recht kommod und sorgenfern durch die Welt. Irgendwann steckt naturgemäß der schrappige Finanzminister seine dicke Rübe durchs Fenster, die Seifenblase zerplatzt und man muss zahlen. Aber das will ich ohne Murren tun; besser so herumzigeunern als irgendwo angestellt und festgezurrt sein. Dass ich dem amtierenden deutschen Finanzminister in meiner Zeit als Rheinsberger Stadtschreiber persönlich begegnen würde, konnte ich nicht ahnen.
Von März bis Mai las ich gut dreißig mal auf deutschsprachigen Bühnen in mondänen Orten wie Weimar, Wien, Zürich, Alvaneu und Grünenwald. Pfingsten waren die Lesereisen beendet. Pflichten gab es dennoch; ein Buch über den deutschen Papst war überfällig, aber ich wollte diesem seit seiner Hitlerjungenzeit notorisch peinlichen Überehrgeizler nicht wie ein Bewegungsmelder von Fettnapf zu Fettnapf hinterherspringen. Also ließ ich den Papst liegen und im Gegenteil den lieben Gott jeden Tag einen guten Mann sein. Ich kurvte mit dem Rad durch die Gegend, sommerte und badebuchtete am Wittwesee herum und tat alles, um den Fischen und den Entlein ähnlich zu werden. Dem stand nur der dösige Verstand entgegen, der mich beim Wittwesee an Witwe mit nur einem ‚t‘ denken ließ und damit an den Tucholsky-Herausgeber Fritz Jott Raddatz. Dieser kapriziösen Sylt-Amöbe hätte ich gern eine Autobiographie mit dem Titel „Ich war Tucholskys Yoko Ono“ in den Mund gelegt, aber zum Glück war ich dazu viel zu freundlich gestimmt und lud mir diese Last nicht auf.
Als Rheinsberger Stadtschreiber bekommt man eine von Handwerkern umlärmte Wohnung im Marstall des Schlosses und monatlich tausend Euro steuerfrei. Die Gagen für meine Rheinsberger Lesungen spendete ich dem Kurt Tucholsky-Literaturmuseum; meinen Sold aber akzeptierte ich und gab ihn immer direkt in Rheinsberg und Umgebung aus: im Fahrradladen, in der Fleischerei (für köstliche Kaisersülze und stets vorbildlich frisch durchgedrehtes Rinderhack); im Zeitungsladen spielte ich, ganz gegen meine Gewohnheit, sogar einmal Lotto und gewann gleich zwei Euro fünfzig, die ich aber sofort in die Rheinsberger Gastronomie zurückfließen ließ.
Als dicken Luxus gönnte ich mir Karten für die Sommeroper und den Genuss von kubanischen Cigarren; beides trug mir eine schöne Geschichte ein. Seit 1990 gibt es den Rheinsberger Opernsommer; in diesem Jahr wurde er am 27. Juni eröffnet, an meinem 48. Geburtstag, mit Wagners Frühwerk „Das Liebesverbot“. Diese Oper ist so wenig wagnertypisch scheußlich bramarbasierend, dass Wagner sich später von ihr distanzierte. Ich hatte gute Karten gekauft, es war ein milder Abend in zauberhafter (Schloss)Kulisse, alle Beteiligten waren gut bei Stimmung und Stimme, die Schwalben im Abendhimmel genauso wie das Orchester und die Sängerinnen und Sänger. Der 27. Juni ist Siebenschläfertag; das Wetter war nicht hochsommerlich, aber warm und trocken, zum ersten Mal seit sechs Jahren konnte die Premiere wie geplant im Freien stattfinden. Der Himmel folgte der Inszenierung und färbte sich an den richtigen Stellen orange oder purpurn. Es war gelungen und heiter, weder zu léger noch zu feierlich, genau richtig.
Am 2. Juli fand eine Operngala statt, für die wir keine Karten gekauft hatten; so ein Ariengemisch, egal wie gut vorgetragen, ist eher Zerstreuung statt Konzentration – Potpourri eben. Den Tag hatten wir am Wittwesee verbracht, im klaren Wasser, ein Enterich kam so forsch herangewatschelt und sah derart kühn aus, dass ich ihn Wyatt Earple taufte. Abends kamen wir zum Schloss zurück, die Operngala war hörbar in vollem Gange. Im Park hatte man Tische und Stühle aufgestellt und die Tische weiß eingedeckt. Ich holte eine Flasche Weißwein, zwei Gläser und eine Cigarre aus der Stadtschreiberwohnung, dann setzten wir uns an einen der Tische, der Wind trieb uns sachte die Opernmusik zu, wir lauschten, plauderten, nippten sutsche vom Wein, ich rauchte die Havanna, es war meine letzte Romeo y Julieta im großen Churchill-Format.
Dann war die Darbietung zu Ende, das Publikum strömte aus dem Schlosshof dem Park zu, eine kleinere Gesellschaft setzte sich an den Tisch nebenan. Einige Gesichter kamen uns bekannt vor; nach kurzer Zeit erhob sich einer der Herren am Nebentisch, kam herüber und begrüßte uns höflich. Mit charmanter Selbstironie sagte er: „Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie; ich bin hier nur der Bürgermeister, aber Sie sind der Stadtschreiber.“
Dieser freundliche Bürgermeister stellte sich als Manfred Richter vor, bat uns, an seinen Tisch zu kommen, wir nahmen an, und so wurden wir unter anderem Ehrhart Körting, Peer Steinbrück und Manfred Stolpe vorgestellt. Die sozialdemokratischen Politiker machten einen aufgeräumten Eindruck, man war privat, nicht offiziell, und die Konversation war erfreulich ungezwungen. Allerdings bemerkte ich, dass der Bundesfinanzminister immer wieder auf meine Cigarre sah.
Ob er weiß, dass ich den Kasten Churchills in der Schweiz gekauft habe?, fragte ich mich. Wo für die sündhaft teuren Cigarren immerhin nur gut die Hälfte von dem verlangt wird, was man in Deutschland dafür zahlt? Nach einer Woche Lesereise in der Schweiz hatte ich am Pfingstmontagabend auf dem Zürcher Hauptbahnhof in nahezu letzter Minute noch ein Cigarrengeschäft gefunden und mich eingedeckt, bevor der Nachtzug nach Leipzig abfuhr. Steuer- und zollfrei brachte ich Cigarren mit – aus einem Land, mit dem der deutsche Finanzminister Steinbrück auf Kriegsfuß stand.
Nein, das wird er nicht wissen, dachte ich. Zwar ist Steinbrücks Ministerkollege Wolfgang Schäuble eine Art Stasi auf Rädern, aber ich hatte nichts Illegales getan und fand mich überhaupt völlig uninteressant für den schwäbischen Auskuck. Über die Schweiz wollte ich mit Steinbrück nicht sprechen; dort war der Mann unbeliebt, weil er den Schweizer Banken ihre Hehlertätigkeit zugunsten auch deutscher Krimineller offen vorwarf, und diese Offenheit mag man in der Schweiz nicht leiden.
Das Interesse des Ministers an meinem Tabak war allerdings nicht beruflicher, sondern rein privater Natur. Ich freue mich, gerade als Tucholsky-Stipendiat einem deutschen Sozialdemokraten aus der Patsche helfen zu können, nutzte meinen Standortvorteil, holte den verbliebenen Rest Cigarren aus meinem Behelfshumidor, dem Kühlschrank der Stadtschreiberwohnung, und ließ die Schachtel herumgehen. Angenehm beherzt wurde zugegriffen; falsche Bescheidenheit ist etwas Furchtbares – diesen Sozialdemokraten war sie erfreulich fremd. Manfred Stolpe bot mir an, sich mit einem Kasten Cigarren revanchieren zu wollen; ich wiegelte ab. Wahlversprechen seien nicht nötig, ich hielte mich an das Beispiel meiner Eltern: wegen Willy Brandt voller Hoffnung in die SPD eingetreten, wegen Gerhard Schröder voller Ekel wieder ausgetreten.
Dann sprachen wir über Angenehmeres, und ich vergaß die Angelegenheit. Zehn Tage später klingelte es. Manfred Richter stand in der Tür, einen kleinen Kasten in der Hand. Er war handbeschriftet: „Dem Stadtschreiber von Rheinsberg mit herzlichem Dank für die Nothilfe am 2. Juli, zugleich für BM Steinbrück und Sen. Körting. Manfred Stolpe“.
Stolpe hatte sich nicht lumpen lassen; das Kästchen enthielt fünf wunderbare Havanna-Torpedos. Eine ist noch übrig – die letzte rauchte ich an meinem letzten Abend als Stadtschreiber. Und dann war ich weg – um die Ecke, in Warenthin, einem Dorf mit zwölf Häusern und sechzehn Einwohnern. Es war mir langsam sowieso zu voll geworden in Rheinsberg. Nun also wieder Landleben, das Glück der Enten und Fische. Auf sie mit Idyll!
Aus: Wiglaf Droste, Auf sie mit Idyll!, Rheinsberger Bogen 29, Stadtschreiber zu Rheinsberg März bis Juli 2009, Kurt Tucholsky-Literaturmuseum Schloss Rheinsberg
