herrenzimmer - Montag, 6. September 2010
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Nan Goldin . Poste Restante Slide Shows/Grids

„Meine Fotos entstehen aus Beziehungen, nicht aus Beobachtungen.” Nan Goldin


Ihre Fotos berühren und schockieren – heute ebenso wie vor 30 Jahren. Sie faszinieren jedoch nicht unbedingt aufgrund der Themen zwischen Glamour und Gosse mit raren Momenten von Normalität und Glück, sondern wegen ihrer radikalen Intimität. Nan Goldin nähert sich mit der Kamera nur denen, die ihr nah stehen und fängt so sensibel das alltägliche Leid aus Krankheit, Abhängigkeit, Gewalt und Exzess ein. Sie nimmt nicht nur Anteil am harten Leben ihrer Freunde und Familie, sondern ist selbst elementarer Teil. Immer wieder verweisen ihre fotografischen Innen- und Außenansichten auf die Verflechtung mit ihrem eigenen Schicksal. Das akute Elend der anderen wird gleichsam zum Bild ihrer eigenen elenden Befindlichkeit.

Die Unmittelbarkeit ihrer Bilder ist darin begründet, dass ihr Voyeurismus auf den Exhibitionismus ihrer Umwelt trifft. Drogenmissbrauch, sexuelle Hörigkeit, diffuse Geschlechterrollen und die Folgen von AIDS konnte Goldin als eine der ersten so direkt dokumentieren. Mit diesem höchst politischen visuellen Tagebuch durchbricht sie immer noch Tabuthemen. Auch in ihrer Bildsprache ist diese persönliche Nähe, Lebenslust und menschliche Wärme stets präsent. Ihre Fotografien sind keine perfekten Bilder, sondern Schnappschüsse. Zum Teil farblich unausgewogen und verschwommen sind sie Bekenntnisse zu einem professionellen Dilletantismus. So stellt sich bei ihren Bildern die klassische  Frage nach der Authentizität oder Konstruktion von Realität durch das Medium Fotografie nicht. Denn näher als Goldin kann man am abgebildeten Geschehen kaum teilhaben.

C/O Berlin präsentiert fünf Dia-Projektionen zum Teil erstmals in Berlin: „The Ballade of Sexual Dependency” (1981), „All By Myself” (1995/96), „Heartbeat” (2003), „The Other Side” (2008) und „New Kids Show” (2008). Diese Dia-Serien sind stark verdichtete Erzählungen und Erinnerungen, die musikalisch mit einem von Goldin zusammengestellten Soundtrack unterlegt sind. Sie werden für jeden Präsentationsort erweitert und neu geordnet, um veränderten Stimmungen, Gefühlen, Eindrücken und Erinnerungen gerecht zu werden. Goldin hat ein besonderes Gespür, ihre Dia-Shows so zu arrangieren, dass sich statische Bilder zu bewegen scheinen und in ihrer Abfolge filmisch-narrativen Charakter bekommen.

Nan Goldin . Poste Restante
Slide Shows/Grids
Ausstellungsdauer
10. Oktober bis 6. Dezember 2009
Eröffnung Freitag, 9. Oktober 2009 . 19 Uhr
Die Künstlerin ist anwesend.
Öffnungszeiten täglich . 11 bis 20 Uhr
Eintritt 10 Euro . ermäßigt 5 Euro
Lecture Samstag, 10. Oktober 2009 . 16 Uhr
20 Euro . ermäßigt 15 Euro
Veranstalter
C/O Berlin . International Forum For Visual Dialogues
Ort C/O Berlin . Postfuhramt
Oranienburger Straße 35/36 . 10117 Berlin

Nan and Brian in bed . NYC . 1983
© Nan Goldin

Biografie

Nan Goldin, geboren 1953, gilt als eine der einflussreichsten Dokumentarfotografinnen des späten 20. Jahrhunderts. Sie wächst in Boston auf. Nach dem Selbstmord ihrer Schwester 1965 beginnt Goldin mit dem Fotografieren, um ihre Erinnerungen unauslöschlich zu machen. Nach dem Studium an der School of the Museum of Fine Arts und an der Tufts University in Boston wechselt sie zur Farbfotografie.

1974 entsteht Goldins erstes Ausstellungsprojekt an der Universität in Cambridge. 1977 schließt sie ihr Studium ab und zieht ein Jahr später nach New York. Ihr Freundeskreis, dem sie als Familienersatz große Bedeutung beimisst, liefert die Motive für Goldins Bilder in den späten 1970er und frühen 80er Jahren. 1988 muss Goldin sich einem Drogenentzug unterziehen und beginnt dabei mit einer Serie von Selbstportraits, in denen sich ihre emotional erlebte Situation deutlich widerspiegelt. Durch den Verlust mehrerer Freunde in den folgenden Jahren aufgrund von AIDS-Infektionenen rücken Anfang der 1990er Jahre wieder andere Menschen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Goldin verbringt auf Einladung des DAAD ein Jahr in Berlin und wird 1995 am Institute of Contemporary Art in Boston zusammen mit Künstlerkollegen als Teil der neuen „Boston School" ausgestellt. Bereits ein Jahr später wird ihr eine Retrospektiv-Ausstellung im Whitney Museum of American Art in New York gewidmet.

Goldin lebt und arbeitet in Paris.

 

C/O Berlin . International Forum For Visual Dialogues

Seit dem Jahr 2000 präsentiert C/O Berlin ein lebendiges, kulturelles Programm internationalen Ranges. Als Ausstellungshaus für Fotografie zeigt C/O Berlin Werke renommierter Künstler, organisiert Veranstaltungen, fördert junge Talente und begleitet Kinder auf visuellen Entdeckungsreisen durch unsere Bildkultur. C/O Berlin ist eine private Institution und zeichnet sich durch modernes unternehmerisches Denken und zeitgemäßes Kulturmanagement aus. Intensive Vermittlungsarbeit vor Ort und enge Kooperationen mit Institutionen weltweit machen C/O Berlin zu einem einzigartigen Ort des kulturellen Austausches – nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland.

Exhibitions
C/O Berlin zeigt auf mehreren Ebenen im ehemaligen Postfuhramt in Berlin-Mitte jährlich bis zu 15 Ausstellungen. Bedeutende internationale Fotografen wie Annie Leibovitz, Martin Parr, James Nachtwey, Anton Corbijn, Bettina Rheims oder René Burri haben die konzeptionelle Kompetenz und den hohen Anspruch von C/O Berlin bestätigt. Künstlergespräche, Vorträge und Führungen vertiefen und erweitern einzelne inhaltliche Aspekte und Blickwinkel der Ausstellungen, die oft in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern wie z.B. der Agentur Magnum Photos, Paris, dem Brooklyn Museum, New York, dem Jeu de Paume, Paris, der Photographers’ Gallery, London, oder dem Fotomuseum Winterthur organisiert werden.

Talents
Talents ist ein jährlich international ausgeschriebener Wettbewerb für junge Gegenwartsfotografie und Kunstkritik. Seit 2006 fördert der C/O’s e.V. mit dieser Ausstellungsreihe angehende Fotografen und Kritiker, die sich an der Schwelle zwischen Ausbildung und Beruf befinden. Begleitet wird jede der vier Einzelausstellungen pro Jahr von einer Publikation, in der Bild und Text einen Dialog eingehen. Dieses in Europa einzigartige Programm ist für viele junge Künstler kreativer Campus und Ausgangspunkt für weitere Ausstellungen. Mit Hilfe starker Partner, wie z. B. dem Goethe-Institut, schickt C/O Berlin den Nachwuchs in die Welt – unter anderem nach Stockholm, New York, Wellington  oder Santiago de Chile.

Lectures
Aktuelle Positionen und Fragestellungen aus den Bereichen Fotografie, Design und Architektur werden in bis zu vier moderierten Gesprächen pro Jahr vorgestellt und diskutiert. Anerkannte Experten und herausragende Persönlichkeiten, darunter Daniel Libeskind, Isabelle Huppert, Jeff Wall und Kurt Weidemann gaben schon Einblick in ihre Arbeit, persönliche Erfahrungen und Ansichten. C/O Berlin fördert mit dieser Veranstaltungsreihe den Diskurs zwischen den künstlerischen und gestalterischen Disziplinen.

Junior
Getragen vom C/O’s e.V. bietet Junior Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, Fotografie, Design und Architektur spielerisch kennen zu lernen, ihre visuelle Wahrnehmung zu schulen und neue Anregungen kreativ umzusetzen. Fester Bestandteil der pädagogisch betreuten Workshops sind Besuche in den Ateliers und Büros kreativer Disziplinen. Die 6 bis 14-Jährigen bekommen so einen lebendigen Einblick in die berufliche Praxis. Mit Hilfe von Patenschaften und Kooperationen mit Schulen können Kinder aus allen sozialen Gruppen an den bis zu zwölf Workshops pro Jahr teilnehmen. Junior ergänzt das lebendige und vielfältige Programm von C/O Berlin um den wichtigen Teil der visuellen Bildung.

Forum
C/O Berlin bringt Menschen zusammen und bietet Raum für ideenreiche Veranstaltungen. Gemeinsam mit Partnern aus Kunst, Medien, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft werden Ausstellungen, Workshops, Buchvorstellungen, Seminare, Konferenzen und Performances geplant und realisiert. Bis zu 15 Veranstaltungen im Jahr laden ein zu Begegnung, Dialog und kreativem  Austausch. Zu Gast bei C/O Berlin waren unter anderen Der Spiegel, der UdK-Club, das Filmstudio Babelsberg, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Internationalen Filmfestspiele Berlin.

http://www.co-berlin.info