Helicopter und Heiligenscheine

Die Besprechung eines Buches über Woodstock steht an - da hole ich mir doch direkt einmal Infos aus erster Hand. Mein Freund Mykel, New Yorker mit Leib und Seele seit 1951, der müsste doch auf jeden Fall dort gewesen sein. Wir kennen uns seit 1970, als wir gemeinsam mit etlichen anderen Hippies in London ein Haus sqatteten (besetzten) und trafen uns seitdem immer mal wieder hier und da, aber wir sprachen seltsamer Weise nie über Wodstock. Dennoch hatte ich keinen Zweifel, dass er dort gewesen war (oder zumindest versucht hatte, hinkommen, bekanntlich blieb die Hälfte der Besucher unterwegs im Verkehrschaos stecken).

Auf die Uhr gekuckt, auf New Yorker Zeit umgerechnet, dann Skype angeworfen.

"Hi Mykel!"
"Hi man."
"I have to write a review about a book concerning Woodstock - can you give my some o-tone? You certainly have been there."
"No, I havn't."
"You havn't? Why not?"
"I was in jail."
"Why?"
"Crossing the border with marijuana in the car."
"Ah-hum..."
"But I am now on my way to albania."
"Great. Don't let them take you to jail!"
"Read my blog! Tschuess!"

Dann also ohne O-Ton.

Der Autor Frank Schäfer hat ein Buch über Woodstock geschrieben, fern ab von jeder Romantik und voller Fakten. Manchmal kann man beim Lesen den Eindruck gewinnen, er möchte geradezu restlos jeden verklärenden Mythos aus Woodstock heraus schreiben, und manchmal stößt mir, als unverbesserlichem Hippieromatiker, das etwas übel auf; andererseits weiß ich durch meine Mitwirkung an Jim Gavins Biografie über Chet Baker, dass die Wirklichkeit nun einmal meist weit von dem entfernt ist, was die Fans gerne lesen möchten.

Ohne lange Vorrede wirft Frank Schäfer sich und den Leser ins Geschehen, stellt die Organisatoren und Geldgeber vor und schildert die Querelen um den Ort des Geschehens, der letztendlich 70 Meilen von Woodstock entfernt gefunden wird, auf einer Wiese, die dem Farmer Max Yasgur gehört. Niemand der Beteiligten weiß zu diesem frühen Zeitpunkt, welches Ereignis man im Begriff ist, loszutreten. "Half a million people" bricht Mitte August 1969 nach Bethel in Sullivan County auf. Yasgurs bodenständige Nachbarn sehen Armageddon auf sich zukommen, und sie sind sauer: "Don't buy Yasgur's milk, he loves the hippies!" steht auf einem Schild an der Zufahrtstraße zu seiner Farm. Yasgur lässt sich nicht beirren, er liebt nicht nur die Hippies, sondern auch das Geld, 57.000 $ zahlen ihm die Veranstalter als Miete für das Gelände, viel Geld, das der Farmer gut brauchen kann. Als Vergleich sei gesagt, dass dies mehr als das Dreifache von dem ist, was Jimi Hendrix, der Top act des Festivals, für seinen Auftritt bekommen wird.

Minutiös schildert Schäfer dann alle Auftritte und viele Geschehnisse der drei Tage. Auch hier lässt er so manchen Mythos zumindest fragwürdig erscheinen. Ritchie Havens angeblich frei improvisierte Darbietung von Freedom? "Die Percussions setzen zielsicher, gleich nach dem ersten Takt ein, als wüssten sie, was jetzt kommt, umspielen das Riff leichtfingrig und timingstabil; der Wechselgesang gegen Ende wirkt wie ein dramaturgischer Kniff zur Affektsteigerung; und auch der ekstatische Schluss mit dem das Tempo anziehenden Congawirbel, der immer schön synchron das Gitarrengeschrammel untermauert klingt wie ausgedacht und eingeübt. So tight spielt man einen Song kaum zum ersten Mal."

Wie auch immer es gewesen sein mag, Havens Freiheitshymne am Anfang des Festivals - das brachte es voll und ganz. Die Show war eröffnet.

Was dann in den drei Tagen geschah ist weitgehend bekannt. Chaos, Unwetter, Drogen, Verkehrschaos, Versorgungsprobleme - zeitweise wollte der Gouverneur das Areal zum Katastrophengebiet erklären lassen. Dass es nicht so weit kam ist vielen umsichtigen Personen und Entscheidungen zu verdanken, und Schäfers Buch dokumentiert es gewissenhaft. Beeindruckend auch seine ausführliche Schilderung sämtlicher Auftritte und der Geschehnisse drumherum. Tim Hardin und Janis Joplin so auf H, dass sie zu Total- oder Beinahetotalausfällen werden, Pete Townsends Fight mit dem politischen Aktivisten Abbie Hoffman auf der Bühne, Carlos Santana im Meskalinrausch mit einer Schlange kämpfend, für die er seine Gitarre hielt - das alles lese man selber in Woodstock '69 - die Legende nach.

Frank Schäfer sieht im Woodstock Festival den Abgesang auf die Zeit der Flower Power und des Glaubens daran, dass es möglich wäre, eine bessere Welt zu schaffen, so wie es seit der Mitte der 1960er Jahre vor allem in den USA durch die Köpfe von Millionen junger Leute waberte. Er macht das auch an der Musik fest, die von so ganz unterschiedlichen Gruppen aufgeführt wurde und in der sich verschiedene Szenen und Epochen widerspiegelten. Die eine Musik bestand aus abklingenden, weil nicht mehr zeitgemäßen Tönen, die andere aus dem, was gerade im Kommen war, wieder andere aus dem, was kommen würde und etwas sogar aus dem, was gerade wieder zurück kehrte wie die 50er Jahre Schmonzetten von Sha Na Na, die eine neuerwachende Künstlichkeit vorweg nahmen.

Als Jimi Hendrix als letzter Act des Festivals Montag früh (der Zeitplan war über die drei ursprünglich geplanten drei Tage Freitag, Samstag und Sonntag völlig aus den Fugen geraten) auf die Bühne kam war die überwiegende Zahl  der Festivalbesucher schon längst wieder abgereist, er spielte noch vor etwa 30 oder 40 Tausend Menschen. So bekamen die meisten, die bei Woodstock dabei waren, seine Version von Star Spangled Banner gar nicht mehr mit. Ob dieses Stück, so grandios es auch gespielt war, tatsächlich das darstellte, was hinein interpretiert wurde, ein "akustisches Portrait eines Landes im Aufruhr, einer Nation, die in Gefahr war, in den Abgrund zu fallen" (Charles Shaar Murray) stellt Schäfer mit Zitaten von Hendrix, in denen er sich zum Vietnamkrieg äußert, zumindest in Frage - auch hier mag ein Mythos dann doch nicht so ganz stimmen wie es allgemein angenommen wird.

Schäfers Fazit ist, bei aller Sympathie, die er dem Ereignis Woodstock entgegen bringt, eher ernüchternd: "All das beweist vor allem das enorme kollektive Bedürfnis der Hippies nach einem Mythos [...]weil man aller Aufbruchrhetorik zum Trotz insgeheim bereits ahnt und bald danach auch weiß [...], dass die eigene Zeit eigentlich schon abgelaufen ist und man folglich eine Art virtuelles Denkmal brauchtm um sich zu vergewissern, dass sie Realität war und dass sie bedeutsam war und dass sie es folglich wert ist, tradiert zu werden."

Frank Schäfer hat ein höchst lesenwertes Buch über Woodstock geschrieben, das sein Thema vielfältig beleuchtet. Mir fehlt die Erwähnung von Elliot Teichberg (Elliot Tiber), der im Vorfeld des Events eine Rolle bei der Planung und Ortsfindung gespielt hat und dessen Buch Taking Woodstock von Ang Lee verfilmt wurde. Auch sträubt sich bei manchen Beurteilungen Schäfers etwas in mir, sie erscheinen mir zu hart und negativ. Aber vielleicht ist das ja auch nur der übriggebliebene Rest Hippie in mir.

awb

 

-> Das Herrenzimmer: Woodstock - Musik, Matsch und Marihuana

-> Mykel Boards Albanienreise Blog

 

 

-> Frank Schäfer: Woodstock '69: Die Legende