In Schlucken-zwei-Spechte

Ein Lieblingsbuch. Und das kam so: vor einigen Jahren geriet ich nach einer schweren Erkrankung zur Erholung in einen kleinen Kurort im Sauerländischen. Dort war es zwar sehr grün und ruhig und irgendwie sehr idyllisch, aber auf die Dauer auch etwas zu grün und ruhig und idyllisch. Der mitgebrachte Lesevorrat war bald erschöpft, und so besuchte ich die örtliche, sehr überschaubare kleine Papierwaren- und Buchhandlung. Und dort fand ich In Schlucken-zwei- Spechte, in dem Harry Rowohlt Ralf Sotscheck sein Leben erzählt, und ich kaufte es und las es auf einen Rutsch. Rowohlt, der "Meister der Abschweifung", der von Sotscheck dezent aber konsequent auf Spur gehalten wird, damit das aus den Gesprächen resulitierende Buch einen vertretbaren Umfang erhält - das liest sich wie ein Irish Stew.

Der Humor, die Lebendigkeit, die Lebensfreude und nicht zuletzt die weise Bärbeißigkeit Rowohlts (und natürlich seine lobenden Worte über belgisches Bier) machten mich so richtig munter, und sofort las ich das Buch ein zweites Mal und hatte noch mehr Freude. Ob ich deswegen zwei Wochen früher als geplant den Kurort verlassen konnte will ich nicht behaupten, aber es könnte durchaus etwas dran sein. 

Nun erschien in Klaus Bittermanns Edition Tiamat In Schlucken-zwei-Spechte in einer vierten Auflage, mit einem nagelneuen Kapitel "Acht Jahre danach". Viel ist passiert seit damals, Rowohlt trinkt nicht mehr, und Sotscheck plant, das Rauchen aufzugeben. Das sind gravierende, im ersten Moment erschreckende Entwicklungen und fordern den Anhang eines neuen Kapitels geradezu heraus, dessen Inhalt diesmal in Hamburg entstand, denn nach Irland reist Rowohlt nicht mehr, da er die Insel seit Einführung des Rauchverbots in Pubs boykottiert. Ein konsequenter und ehrenwerter Schritt, auch wenn Rowohlt, unter anderem ernannt zum Ambassador of Irish Whiskey, doch so viel mit Irland verbindet, man denke nur an seine zahlreichen Übersetzungen irischer Literatur. 

Rowohlt erkrankte vor zwei Jahren an Polyneuropathie, deren Ursache meist mit "Unklare Genese" bezeichnet wird, laut Rowohlt ein Euphemismus für Suff. Rowohlt hat sich seither so strikt an das medizinisch notwendige Trinkverbot gehalten, dass er inzwischen von seinem Arzt das offizielle Placet für vier Besäufnisse pro Jahr erhalten hat, was der Patient auch gehorsam und strikt erfüllt. Dies und manches mehr erfährt man im neuen Kapitel, das nicht das letzte sein soll - Sotscheck und Rowohlt werden in acht Jahren weiterreden.

Abgerundet wird die Neuauflage von einem Nachwort Wiglaf Drostes, der seine beiden Freunde, den hobbithaft-defensiven Charmeur Sotscheck und den Altersbettflüchtling Rowohlt angemessen würdigt. Mehr Lesevergnügen als dieses Buch geht schwer zu finden.

awb

 

In Schlucken-zwei-Spechte
Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege
Edition Tiamat
Critica Diabolis 171
Paperback, 240 Seiten
15.- Euro, 27.90 SFr.
ISBN: 3-89320-139-4
Erweiterte Neuauflage, mit einem nagelneuen Kapitel »Acht Jahre danach«, Fotos von Ulla Rowohlt, Vignetten von F.W.Bernstein und einem Nachwort von Wiglaf Droste

 

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