Mit Kopf, Füßen und Innereien: Effilee

Ein Jahr plus ein Heft lang gibt es nun Effilee, das Magazin für Essen und Trinken. Angerichtet hat es Vijay Sapre, alter Internethase und Gourmet. Sapre, Jahrgang 1962, Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter hatte unter anderem als Kellner, Taxifahrer, Musikproduzent und Werbetexter gearbeitet, bevor er 1996 zusammen mit einem Freund den Online-Automarkt mobile.de gründete. Was eigentlich nur ein Experiment sein sollte, entwickelte sich schnell zu einem veritablen Unternehmen mit zweistelligen Millionenumsätzen und über 100 Mitarbeitern. 2005 wurde mobile.de an Ebay verkauft.

Danach beschloss Sapre, sich ganz seiner Leidenschaft, der Kochkunst, zu widmen. Eine erste wichtige Station war ein zweiwöchiges Praktikum bei Gutbert Fallert in der Talmühle in Sasbachwalden, wo er einen Einblick in die Abläufe einer Sterneküche gewinnen konnte. Seither nutzt er jede Gelegenheit, ein neues Restaurant oder einen neuen Wein kennenzulernen. Sein Motto dabei: "Man muss sich auf diese Dinge auch einlassen, nicht nur analysieren, sondern auch einfach mal genießen und sagen: ‚Lecker!'" Das Herrenzimmer hatte ein paar Fragen.

Vijay Sapre, das Heft Effilee entstand aus einem Webportal - normalerweise geht es umgekehrt, erst Print, dann Web. Wie sicher waren Sie, dass das funktioniert?

Gar nicht, ich wollte es ausprobieren.

Haben Sie dem Medium Internet nicht die genügende Reputation beigemessen, um ein Projekt wie Effilee zu tragen? Anders gefragt: warum haben Sie Effilee nicht komplett und ausschließlich im Internet realisiert?

Ich glaube, das Thema, das wir behandeln kann eine gewisse Haptik durchaus vertragen. Nach zehn Jahren Internet wollte ich auch mal wieder was machen, das man in die Hand nehmen kann. Und: der inhaltliche und visuelle Qualitätsanspruch ist in Print nach wie vor deutlich höher. Da nicht nur mitzumischen, sondern vielleicht ja sogar besser zu sein, als die Etablierten, reizt mich.

Hatten Sie keine Sorge, dass der etwas ungewöhnliche Name ein Handicap sein könnte? Nicht jeder weiß, was Effilee* bedeutet.

Die Frage kommt nun ausgerechnet von 'Herrenzimmer'! Ich glaube, dass Marken besser funktionieren, wenn sie keine Bedeutung haben. Unser Benzin heißt Shell, Zigaretten Marlboro, Limonade heisst Fanta, Automarkt heisst mobile.de. Am Anfang ist das sicher schwieriger, aber später zahlt sich das aus. Als ich in der Schule war haben die Lehrer am Anfang des Schuljahres immer gesagt, sie würden sich meinen Namen nie merken. Tatsächlich war es immer der erste, den sie kannten.

Sie sind ein alter Hase im Webbusiness, aber um Essen und Trinken ging es bei Ihren Projekten zunächst gar nicht...

Richtig, ich war früher Werbetexter und galt als Autoexperte. Da war ich  nur so reingerutscht, aber das Know-How hat mir dann sehr geholfen. Nach dem Verkauf von mobile.de konnte ich mich ja frei entscheiden, was ich weiter machen will und da habe ich mich nach meiner Leidenschaft gerichtet.

Wann haben Sie Ihre Liebe zum leiblichen Genuss entdeckt? Erst als sie ihn sich leisten konnten?

Auf keinen Fall. Ich war das erste Mal in einem Zweisternehaus, als ich meinen Lebensunterhalt noch als Taxifahrer bestritten habe.

Schätzen Sie auch kleine, einfache Genüsse? Mal eine leckere Wurst mit Sauce oder eine Tüte Pommes?

Ja. leider ist das schwer zu finden.

Als Sie Effilee konzipierten - was wollten Sie anders machen als bestehende Gastrojournale?

Ich wollte sicher nicht das Rad neu erfinden, aber doch alles etwas eleganter und intelligenter umsetzen. Vor allem wollte ich ein Heft machen, das seine Leser wirklich ernst nimmt. Deshalb gibt es bei uns nie das Argument, dass 'der Leser das nicht versteht.'

Wie groß ist Ihr persönlicher Anteil an den jeweiligen Ausgaben?

Schwer zu beziffern. Ich bin fünf Tage in der Woche im Büro, lese alle Texte, redigiere einige, schreibe andere selber und spende meinen Kollegen Trost und Rat.

Im neuen Heft findet man eine Story über Pferdemetzger, das passt zu einem neuen Kochbuch von Wolfram Siebeck über "verpönte" Küche, in dem auch Pferd eine Rolle spielt. Siebeck sagte mir, es sei sehr schwer gewesen, für das Buch einen Verleger zu finden - hätten Sie ein Buch über Innereien verlegt? Oder sich wenigstens gewünscht?

Ich habe ja leider keine Ahnung vom Bücherverlegen, aber doch, das Buch hätte ich bestimmt verlegt.

Ist Effilee, das Heft, Teil eines Gesamtkonzepts? Quasi die papierene andere Hälfte der Website? Dient die Website als direkte Verbindung zum Leser?
Wir sind ja gerade dazu übergegangen, viele Inhalte des Heftes online zu stellen, was sehr honoriert wird. Das Feedback das wir da bekommen ist inhaltlich und emotional sehr wichtig für uns. Alles in allem interessiert mich ohnehin am meisten die Marke, die sich natürlich in allen Medien entwickeln kann.

Wie weit sind Sie offen für Anregungen der Leser?

Wir freuen uns über jede Anregung oder Kritik und versuchen dem auch immer nachzugehen.

Was halten Sie persönlich vom Boom der Fernsehkocherei? Muss das sein, hat es über die eher seichte Unterhaltung hinaus auch einen wirklichen Wert für die Entwicklung der Küche in Deutschland?

Kochen im Fernsehen verhält sich zur Kulinarik wie Porno zur wahren Liebe: Irgendwie hat es was damit zu tun und irgendwie auch nicht. Aber es funktioniert. Ich denke, man muss ganz nüchtern sehen, dass es in einer Fernsehsendung um den Unterhaltungswert geht und nicht immer um Inhalte. Unterhaltsam sind einige der Formate ja durchaus.

In Effilee fallen mir manche netten Kleinigkeiten auf, Rubriken wie "Alles außer Essen", "Die Kantine des Monats" oder aktuell eineAuflistung von Filmen, in denen vorbildlich Champagner getrunken wird - ich nehme an, dass auch andere Leser solche "bunten" Beiträge schätzen...

Ja? Danke! Das sind auch die Sachen, die fast am meisten Spaß bringen. Wie im Restaurant, da ist ja oft auch das Amuse Guele das beste...

Wie geht es weiter mit Effilee? Welche Pläne möchten Sie gerne realisieren?

Mal sehen, wann der Break Even abzusehen ist.

Unvermeidlich zum Schluss: die Frage nach Ihrem ganz persönlichen Genuss, Ihrer Lieblingsspeise und Ihrem Lieblingsgetränk...

Ich esse gern Schmorgerichte und tatsächlich auch gern Innereien. Kalbsnieren. Mein Getränk ist eindeutig Burgunder, den weißen nicht zu kalt und den roten nicht zu warm.

Ach ja: Kochen oder Essen - was verschafft Ihnen mehr sinnliche Freuden?

Das ist wie die Frage, ob ich lieber oben oder unten liege: ich finde beides großartig!

 

Es fragte awb

 

www.effilee.de

 

*Der Begriff Effilee stammt aus dem Französischen; so wird Geflügel bezeichnet, das gerupft aber mit Kopf, Füßen und Innereien in den Handel kommt. In Frankreich ist das noch häufig anzutreffen, der Vorteil liegt zum einen in der längeren Haltbarkeit und zum anderen darin, dass man Rückschlüsse auf die Haltung ziehen kann. Anders als Käfighühner haben Tiere, die im Freien aufgezogen wurden, nämlich ansehnliche, gesunde Füße.