herrenzimmer - Donnerstag, 9. September 2010
Druckversion der Seite: Der Herr des Monats
URL: www.herrenzimmer.de/heinrichvilliger.html

 

 

 

 

DER HERR DES MONATS - HEINRICH VILLIGER

Portrait: Andreas Jordi

Er wurde soeben 77 Jahre alt, er raucht seit 50 Jahren ausschließlich Cigarren und Cigarillos, und er ist dem Tabak nicht nur als Genießer, sondern vor allem als Geschäftsmann verbunden. Der Schweizer Unternehmer Heinrich Villiger ist
Präsident des Verwaltungsrates der Villiger Söhne Holding AG sowie der Villiger Söhne AG in Pfeffikon / Kanton Luzern, Schweiz (Stammhaus des Familienunternehmens); Vorsitzender des Beirates der deutschen Gesellschaften (Villiger Söhne GmbH und El Mundo del Tabaco Import GmbH), Commissioner (Aufsichtsrat) der PT Villiger Tobacco Indonesia, Präsident des Verwaltungsrates der INTERTABAK AG in Münchenstein (Baselland) – offizieller Importeur von "Habanos" für die Schweiz, Geschäftsführer der 5TH AVENUE PRODUCTS TRADING-GmbH in Waldshut-Tiengen, offizieller Importeur von "Habanos" für Deutschland und Alleininhaber der Villiger Söhne Holding AG.

Geboren am 30.5.1930 in Menziken, Kanton Aargau, Schweiz, trat Heinrich Villiger 1950 in das Familienunternehmen Villiger Söhne AG ein. Er machte eine Rohtabakausbildung in den USA und der Karibik, wurde 1954 Teilhaber der Villiger-Unternehmen in der Schweiz und in Deutschland und Mitglied des Verwaltungsrates der Villiger Söhne AG (Schweiz) und der Geschäftsführung der Villiger Söhne GmbH (Deutschland).

1958 heiratete er Martina Burger. Nach dem Tode des Vaters Max Villiger im Jahre 1966 trat Heinrichs Bruder Kaspar in das Unternehmen ein und übernahm die Leitung des schweizerischen Stammhauses; die beiden Brüder waren fortan mit je 50 % am Gesamtunternehmen beteiligt. 1989 wurde Kaspar Villiger in den schweizerischen Bundesrat gewählt (er wurde Schweizer Verteidigungsminister und anschließend bis Ende 2003 Finanzminister), Heinrich Villiger übernahm die 50 % Beteiligungen seines Bruders an allen operativen Unternehmen.

Er hat 3 Töchter und einen Sohn. Seine Hobbies sind die Jagd, alpines Skifahren, Fahrradfahren und Motorradfahren. Er ist politisch nicht aktiv und gehört keiner Partei an.

Mit Heinrich Villiger sprach Archi W. Bechlenberg für das Herrenzimmer.

 

Herr Villiger, Sie haben fast Ihr ganzes geschäftliches und privates Leben "im Tabak" verbracht - was geht Ihnen durch den Kopf angesichts der aktuellen Antiraucherkampagnen und -gesetzgebungen?

Ich bin in der Tat in einer Familie aufgewachsen, die seit bald 120 Jahren mit dem Tabak verbunden ist. Es war mein Großvater, der 1888 in dem kleinen Dorf Pfeffikon im Kanton Luzern in der Schweiz unsere Firma gründete. Drei Villiger-Generationen haben in diesen Jahren in dieser Branche gearbeitet und davon gelebt, und in der Familie war man stets davon überzeugt, "dass das Geschäft mit dem Tabak ein sicheres Geschäft sei, denn geraucht würde immer". Das kann man heute nur noch mit gewissen Einschränkungen behaupten. Tabak oder besser gesagt das Rauchen ist zu einem Politikum geworden. Dass Rauchen nicht gesund ist, wusste sicherlich schon mein Großvater und vielleicht sogar Kolumbus, der den Tabak 1492 nach Europa brachte. Aber dieser Aspekt wurde nie so hoch gespielt wie heute.

Muss die Cigarrenindustrie mit ausbaden, was ihr die Zigarettenindustrie eingebrockt hat?

Es ist schon so, dass die Cigarrenindustrie und natürlich auch der Pfeifentabak das ausbaden müssen, was die Zigarettenindustrie dieser Branche eingebrockt hat. Das hätte ich vor 10 Jahren noch nicht offen auszusprechen gewagt, ohne Repressalien von unserer sogenannten "Schwesterindustrie" befürchten zu müssen. Heute hat aber die Zigarette die Flucht nach vorne angetreten, um zu überleben.

Die Journalistin Bettina Gaus schrieb in einem Kommentar in der taz: "Der Eindruck verstärkt sich, dass die - gelegentlich hysterische - Abwehrhaltung gegenüber dem Rauchen in westlichen Gesellschaften eine Ersatzfunktion einnimmt. Wenigstens Zigaretten ermöglichen offenbar noch eine Verständigung auf ein gemeinsames Wertesystem. Allen Tabubrüchen der letzten Jahrzehnte zum Trotz." Und weiter: "Die (Diskussionen verschaffen) der nichtrauchenden Mehrheit ein wohliges Gemeinschaftsgefühl." Sehen Sie das ähnlich?

Ich sehe das nicht so. Die weltweit von gewissen und auch bekannten Kreisen geschürten Aktivitäten und Aktionen gegen das Rauchen grenzen schon an Hysterie und gehen weit über eine "Abwehrhaltung" der Nichtraucher hinaus. Die Menschen, die bisher das Rauchen ihrer Mitmenschen zumeist   indifferent   hingenommen haben, werden heute "aufgeputscht" und gegen die Raucher mobilisiert, dies unter dem Stichwort "Nichtraucherschutz". Es ist keine schweigende Mehrheit, die aufgewacht ist. Wir stehen einem Propaganda-Feldzug gegen den Tabak gegenüber, und es wird mit harten Bandagen und mit nicht nachprüfbaren Zahlen von Rauchertoten gekämpft. Es sind die Tabakgegner, die nicht tolerant sind, und nicht die Raucher, und dahinter stehen auch handfeste wirtschaftliche Interessen, z.B. der pharmazeutischen Industrie.

Hat die Tabakbranche noch eine Zukunft? Oder darf sie nur noch existieren, weil sie dem Staat hohe Steuereinnahmen garantiert?

Es ist keine Frage, dass die Tabakbranche noch eine lange Zukunft haben wird, es sei denn, das Rauchen würde generell eines Tages ganz verboten - vergleichbar mit der Prohibition in USA. Es ist ja heute in der "hohen Politik" alles möglich, man verfolge nur den Eiertanz der Politiker um die Rauchverbote in der Gastronomie. LIONS Club -International hat gerade eine Sammelaktion für die Desinfektion von Trinkwasser in Drittländern gestartet, weil jeden Tag weltweit 6000 Kinder an verseuchtem Trinkwasser sterben. Aber das interessiert unsere Politiker nicht, trägt auch nichts zum Stimmenfang bei. Was die Steuereinnahmen anbetrifft, so haben diese nicht mehr Priorität. Die gesundheitliche Auseinandersetzung ist publikumswirksamer.

Welche Rolle spielte der ehemalige EU Kommissar David Byrne, der durchaus fanatische Züge im Kampf gegen den Tabak zeigte: "Das wahre Gesicht des Rauchens sind Krankheit, Tod und Schrecken.", so eines seiner Zitate.

Zum seinerzeitigen EU-Kommissar David Byrne möchte ich mich lieber nicht äußern. Mit seiner Kampagne gegen das Rauchen hatte er ja das erreicht, was er wollte: die Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken. Inzwischen ist er wieder dorthin verschwunden, wo er hingehört: in die Versenkung. Das ist der Lebenszyklus der meisten Politiker.

Was halten Sie generell von einem Werbeverbot für Tabakwaren? Wäre es nicht eigentlich selbstverständlich, dass, um den früheren deutschen Bundeskanzler Schröder zu zitieren, "für ein legales Produkt auch legal geworben werden" kann?

Über Sinn und Zweck von Werbeverboten - nicht nur für Tabakfabrikate -streiten sich die Experten schon seit eh und je. Ich meine, dass Werbeverbote generell abzulehnen sind, denn schliesslich haben wir es bei den Konsumenten mit mündigen Menschen zu tun, die zwischen gut und schlecht zu differenzieren wissen. Zudem sorgen unsere Gesetze dafür, dass es keinen Freiraum für unlautere Werbung gibt.

Hysterie hin, Hysterie her - einen gewissen Nichtraucherschutz befürworten Sie aber doch gewiss auch?

Ich bin durchaus Pro-Nichtraucherschutz. Der ist ja längst nicht so problematisch, wie das heute dargestellt wird. Überall, wo der Konsument freiwillig hingeht, sollte das Rauchen gestattet sein, zum Beispiel in der Gastronomie. Priorität sollte das Hausrecht haben: wer dieses ausübt, soll entscheiden dürfen, wo und wo nicht geraucht werden darf. Dann werden die Marktkräfte diese Problematik, die eigentlich gar keine ist, von selbst regeln. Da braucht es keine staatlichen Eingriffe. Hierzu eine ketzerische Frage: weshalb gab es früher keine Nichtraucher-Restaurants? Weil eben kein Bedarf da war.

Sie sind über 70 Jahre alt, wie viele von diesen Jahren haben Sie geraucht? Und wieso kann, glaubt man den Gesundheitspolitikern, ein Raucher überhaupt so alt werden?

Ich vollendete vor wenigen Tagen mein 77. Lebensjahr und rauche etwa seit 60 Jahren, seit 50 Jahren - als wir unsere damalige kleine Zigarettenfabrik in der Schweiz liquidierten - nur noch Cigarren und Cigarillos. Bisher um die 5 bis 10 pro Tag und sonntags nie. Anders als bei Fidel Castro, dem sein Arzt das Rauchen gänzlich verboten hat, war mein Hausarzt toleranter; er empfahl mir Ende vorigen Jahres, den Konsum auf l bis 2 Cigarren pro Tag zurückzunehmen. Das habe ich gemacht, ohne Entzugsprobleme. Ich kannte auch 100 Jährige, die jeden Tag noch - wenn auch moderat - geraucht haben. Ich meine, dass maßvolles Cigarren- und Cigarillorauchen unbedenklich ist, sofern man den Rauch nicht in die Lunge zieht. Aber genauso wichtig ist die gesunde Ernährung.

Die Wiege des Unternehmens Villiger Söhne AG stand in der Schweiz, im kleinen Ort Pfeffikon nahe Luzern. Damals nur eine von zahlreichen Cigarrenmanufakturen - wie konnte daraus ein solcher Konzern werden, der jährlich mehr als 475 Millionen Cigarren und Cigarillos produziert?

Die Entwicklung unseres damals kleinen Unternehmens zu einer größeren Gruppe begann mit dem "Sprung" nach Deutschland: im Jahre 1910 gründete meine Großmutter - mein Großvater verstarb schon im Alter von 42 Jahren - die deutsche Tochtergesellschaft in Tiengen/Hochrhein. Nach den 20er Jahren war die Entwicklung in Deutschland rasant. Wir hatten beim Ausbruch des zweiten Weltkrieges über 2000 Beschäftigte, dies natürlich auch wegen eines Maschinenverbotes, das das damalige nationalsozialistische Regime erlassen hatte. Der Start nach dem zweiten Weltkrieg war schwierig, weil unsere beiden größten Fabriken in München ausgebombt waren. Am Wiederaufbau hatte ich noch mitgewirkt. Das Geheimnis des Erfolges ist jedoch unsere Marktnischenpolitik. Wir haben den Schweizer Stumpen "salonfähig" gemacht und zugleich auch neue Produkte entwickelt: wir sind Marktführer mit Cigarren und Cigarillos mit Mundstücken und auch mit unseren sogenannten "Krummen Virginias", die man in Deutschland etwas abfällig als "Krumme Hunde" bezeichnet, doch stirbt dieser Begriff langsam aus. Sodann hatten wir in Deutschland vor genau 20 Jahren - im Jahre 1987 - das erste sogenannte ECO-Cigarillo auf den Markt gebracht. Dieser Produkttyp hat ja heute einen Marktanteil von über 60 % des gesamten deutschen Cigarren-/Cigarillomarktes.

Heute haben wir eigene Vertriebsgesellschaften in Frankreich und in
USA, und in Indonesien auf der Insel Java produziert die PT Villiger Tobacco Indonesia Deckblatt-Zuschnitte, die dort bobiniert und in Tiefkühl-Containern in unsere Werke in der Schweiz und in Deutschland verschifft werden. In der Gruppe sind rund 850 Beschäftigte tätig.

Das Sortiment von Villiger Söhne und Ihren anderen Unternehmen reicht vom ECO-Cigarillo mit homogenisiertem Deckblatt bis zur exklusiven Havanna in stark limitierter Auflage. Rauchen Sie das auch alles selber? Woran hängt Ihr Herz besonders?

Wie gesagt, ich rauche nur Cigarren und Cigarillos, vorwiegend jedoch große Cigarren, z.B. Robusto-Formate und große Coronas, und damit sind wir natürlich bei den Havannas oder HABANOS, wie sie heute bezeichnet werden. Der kubanische Tabak ist der weltweit beste Cigarrentabak, das ist unter Experten unbestritten. Und auch wenn man kubanische Tabaksamen in andere Länder verpflanzt, so entsteht dabei noch lange nicht ein Tabak, der mit kubanischem Tabak vergleichbar ist. Wir verarbeiten in unseren eigenen Mischungen hohe Anteile von kubanischen Tabaken, und deshalb rauche ich natürlich auch unsere eigenen Fabrikate, das ist selbstverständlich. Ein guter Koch isst letztlich ja auch seine eigene Suppe, und kein Junk Food. Über unsere El Mundo del Tabaco importieren wir aber auch Premium Cigarren aus der Dominikanischen Republik und aus Honduras und Nicaragua.

Was war und ist für Sie das Besondere Ihres Berufslebens?  Das Produkt Tabak? Das Geschehen drumherum? Die fremden Länder und Menschen? Hätte Heinrich Villiger auch Alpenmilchprodukte herstellen und verkaufen können?

Ich bin schon sehr verwurzelt mit dem Tabak. Nach dem Tode meines Vaters im Jahre 1966 übernahm ich den Tabakeinkauf und konzentrierte mich auf lateinamerikanische Provenienzen - Kuba, Mexico, Brasilien, Peru, Kolumbien - dies im Gegensatz zu unseren Konkurrenten aus den Niederlanden, die weitgehend bei ihren früheren Quellen in Fernost, d.h. im heutigen Indonesien, geblieben sind. Ich habe alle diese Länder bereist und dort viele     Freundschaften geknüpft, die heute noch andauern. Mein Herz schlägt also schon für den Tabak, der für mich ein Genussmittel und nicht ein Nahrungsmittel ist. Mit Käse hätte ich etwas mehr Mühe, obwohl ich auch gerne Käse esse.

Neben den Tabakwaren kamen aus dem Hause Villiger auch Fahrräder - wie hängt das zusammen? Stimmt es, dass jeder schweizerische wehrfähige Mann ein Villiger Rad zu Hause stehen hat?

Das Fahrradgeschäft war ein Diversifikations-Experiment, das von 1980 bis zum Jahr 2000 dauerte und mit dem Verkauf an die amerikanische TREK, die Nummer 2 im weltweiten Fahrradgeschäft, den Abschluss fand. Ich habe kein Herzblut mit dem Fahrrad verloren, sondern nur Geld. Es ist eine sehr schwierige Branche, in die wir auch sehr viel Kraft investierten, aber den Durchbruch nie schafften. Wir haben in unserem Haus 10 Fahrräder stehen, die von mir und meiner Frau regelmäßig benutzt werden. Es trifft nicht zu, dass jeder Schweizer Wehrmann ein Villiger Rad zu Hause hat. Wir entwickelten wohl das letzte Modell, stellten es jedoch nicht mehr serienmäßig her, und inzwischen wurde die Fahrradtruppe der Schweizer Armee aufgelöst, wie vorher schon die Kavallerie.

Villiger ist ein Familienunternehmen in der 4. Generation, soll es weiterhin in Familienhand bleiben? Gibt es bereits eine 5. Generation?

Wir versuchen natürlich, Villiger als Familienunternehmen zu erhalten. Ich selbst gehöre zur dritten Generation, meine vier Kinder also zur vierten. Meine älteste Tochter, die praktizierende Ärztin ist, hat ihre Bereitschaft signalisiert, die unternehmerische - nicht aber die operative - Nachfolge zu übernehmen. Die fünfte Generation ist auch schon da. Meine Frau und ich haben inzwischen 9 Enkelkinder.

Der Privatmann Heinrich Villiger - was interessiert ihn, was tut er gerne, woran hängt sein Herz?

Mit dem Privatmann Heinrich Villiger ist es so eine Sache. Priorität in meinem Leben hatte stets das Geschäft, das Unternehmen. Auch heute noch sind 10 Stunden-Tage und 6-Tagewochen eher die Regel als die Ausnahme. Das heißt aber nicht, dass ich keine Freizeitbeschäftigungen habe. Wenn es die Zeit erlaubt, gehe ich in meine naheliegende Eigenjagd, ein Hofgut aus dem Familienbesitz von rund 170 Hektar mit Landwirtschaft, ein Demeter-Betrieb. Wenn es die Zeit erlaubt, fahre ich gerne Motorrad, am Sonntagmorgen in den Schwarzwald oder auch mal für eine längere Tour nach USA und/oder Mexico. Die europäischen Alpenstrassen habe ich in den letzten Jahrzehnten fast alle "abgegrast".

Damit bleibt nicht allzu viel Zeit für die Familie übrig, jedoch immerhin einige Feiertage und auch hin und wieder ein Urlaub, die ich mit meiner großen Familie - mit meiner Frau und unseren Kindern, ihren Ehepartnern und Kindeskindern an die 20 Personen - verbringe. Daran hängt natürlich auch mein Herz, und zudem haben wir das Glück, in der Schweiz in einem wunderschönen Land leben zu dürfen.

Website von Heinrich Villiger